Warum es den Score gibt
Der CHA₂DS₂-VASc-Score wurde entwickelt, um eine Schwäche seines Vorgängers CHADS₂ zu beheben: Zu viele Personen landeten in einer Zwischenkategorie, in der die Entscheidung über eine Antikoagulation zur Vermutung wurde. Durch die Ergänzung um Gefäßerkrankung, weibliches Geschlecht und eine feinere Altersstufung verschiebt der CHA₂DS₂-VASc-Score die Mehrzahl dieser Personen in ein eindeutig niedriges oder eindeutig erhöhtes Risiko.
Der Score ist daher nicht in erster Linie ein Instrument, um Hochrisikofälle zu finden — er ist ein Instrument, um sicher diejenigen zu erkennen, deren Risiko so niedrig ist, dass eine Antikoagulation nicht gerechtfertigt ist.
Interpretation im klinischen Alltag
Die Schwelle unterscheidet sich zwischen den Geschlechtern, da das weibliche Geschlecht für sich genommen einen Punkt ergibt, ohne allein ein erhöhtes Risiko zu bedeuten. Eine Frau, die nur den Geschlechtspunkt hat, trägt dasselbe Risiko wie ein Mann mit null Punkten.
- Mann 0 Punkte · Frau 1 Punkt — auf eine Antikoagulation kann verzichtet werden.
- Mann 1 Punkt — nach gemeinsamer Entscheidungsfindung erwägen.
- Mann ≥ 2 · Frau ≥ 3 — eine orale Antikoagulation wird empfohlen.
NOAK werden gegenüber Warfarin bevorzugt, sofern keine mechanische Klappenprothese oder mittel- bis hochgradige Mitralklappenstenose vorliegt.
Fallstricke
Der Score gilt für nichtvalvuläres Vorhofflimmern. Bei mechanischer Klappenprothese oder relevanter Mitralklappenstenose ist eine Antikoagulation unabhängig von der Punktzahl indiziert, und der CHA₂DS₂-VASc-Score darf nicht zur Begründung eines Verzichts herangezogen werden.
Das Risiko ist nicht statisch. Wer heute bei null Punkten liegt, überschreitet die Schwelle allein durch das Älterwerden und sollte daher jährlich neu bewertet werden.
Das Blutungsrisiko wird gesondert abgewogen — der HAS-BLED-Score soll behebbare Risikofaktoren erkennen und nicht darüber entscheiden, ob antikoaguliert wird.