Klinischer Hintergrund
Der National Early Warning Score 2 (NEWS2) ist ein aggregatbasiertes Frühwarnsystem, das die Beurteilung des akuten Krankheitsschweregrads und einer frühen Verschlechterung bei Erwachsenen standardisieren soll. Das Instrument wurde vom Royal College of Physicians (UK) entwickelt und 2017 als Aktualisierung des ursprünglichen NEWS von 2012 publiziert. Es erfüllt zwei Funktionen: Es dient als gemeinsame Sprache für die Kommunikation über den Zustand einer Patientin oder eines Patienten zwischen Versorgungsstufen und Berufsgruppen, und es löst strukturierte Eskalationsmaßnahmen aus, wenn physiologische Parameter abweichen.
Die Entscheidung, der das Instrument dient, betrifft den Zeitpunkt, zu dem eine Patientin in der Notaufnahme oder auf Station eine verstärkte Überwachung, eine dringliche ärztliche Beurteilung oder eine intensivmedizinische Vorstellung erhalten soll. Ohne standardisiertes Punktesystem hängt diese Entscheidung stark von der individuellen klinischen Einschätzung ab, was sowohl zu Unter- als auch zu Übereskalation führt. NEWS2 adressiert insbesondere zwei Schwächen des Vorgängers: die Unfähigkeit, Patientinnen und Patienten mit hyperkapnischer respiratorischer Insuffizienz und niedrigeren Sauerstoffzielwerten abzubilden, und das Fehlen einer neu aufgetretenen Verwirrtheit als Warnzeichen.
Berechnung des NEWS2
NEWS2 ist die Summe der Punkte aus sieben physiologischen Parametern:
wobei jede Variable nach einer festgelegten Skala 0 bis 3 Punkte erhält:
- Atemfrequenz: 0 Punkte bei 12 bis 20 Atemzügen/min, bis zu 3 Punkte bei ≤8 oder ≥25
- Sauerstoffsättigung: Bewertung nach der gewählten SpO₂-Skala. Skala 1 (Standard) ergibt 0 Punkte bei ≥96 %, bis zu 3 Punkte bei ≤91 %. Skala 2 (Zielbereich 88–92 %, hyperkapnische Insuffizienz) ergibt 0 Punkte bei 88–92 %, mit Punkten sowohl für Werte unterhalb als auch oberhalb des Zielbereichs
- Sauerstoffgabe: 0 Punkte bei nein, 2 Punkte bei ja
- Temperatur: 0 Punkte bei 36,1 bis 38,0 °C, bis zu 3 Punkte bei ≤35,0 oder ≥39,1 °C
- Systolischer Blutdruck: 0 Punkte bei 111 bis 219 mmHg, bis zu 3 Punkte bei ≤90 oder ≥220 mmHg
- Herzfrequenz: 0 Punkte bei 51 bis 90 Schlägen/min, bis zu 3 Punkte bei ≤40 oder ≥131 Schlägen/min
- Bewusstseinslage (ACVPU): 0 Punkte für wach (Alert), 3 Punkte für neu aufgetretene Verwirrtheit, Reaktion auf Ansprache, auf Schmerz oder keine Reaktion (CVPU)
Die Ableitung stützt sich auf das ursprüngliche NEWS, das aus einer Kohorte von etwa 35 000 konsekutiven internistischen Notfallaufnahmen mit knapp 200 000 Vitalparameterbeobachtungen entwickelt wurde und dort 33 andere Frühwarnsysteme mit einer AUC von 0,873 für Tod oder Intensivverlegung innerhalb von 24 Stunden übertraf [4]. NEWS2 wurde nicht als statistisch neu abgeleitetes Modell eingeführt, sondern als klinische Modifikation von NEWS, bei der die SpO₂-Skala 2 und ACVPU auf Expertenbasis ergänzt wurden, um erkannte klinische Lücken zu schließen.
Interpretation in der Praxis
Die Punktzahl übersetzt sich in drei Risikobänder mit konkreten klinischen Maßnahmen:
| Band | Punkte | Klinische Bedeutung | Vorgehen |
|---|---|---|---|
| Niedrig | 0–4 | Geringes Risiko einer akuten Verschlechterung | Routineüberwachung nach lokalem Plan. Ein Einzelparameter mit 3 Punkten in diesem Band erfordert dennoch eine gesonderte klinische Beurteilung |
| Mittel | 5–6 oder ein Einzelparameter mit 3 Punkten | Mögliche Verschlechterung | Dringliche Beurteilung durch eine in der Akutmedizin erfahrene Ärztin oder einen Arzt. Erhöhte Überwachungsfrequenz erwägen |
| Hoch | ≥7 | Hohes Risiko einer akuten Verschlechterung | Sofortige Beurteilung durch die Notfallmedizin oder ein Rapid-Response-Team. Intensivmedizinische Konsultation und Verlegung auf eine Überwachungsstation erwägen |
Die Schwelle bei 5 Punkten ist die wichtigste einzelne Grenze: Sie markiert den Übergang von der Routineüberwachung zur aktiven ärztlichen Beurteilung. Wer bei 4 Punkten liegt und dann einen weiteren Parameter mit 3 Punkten entwickelt, fällt formal in das mittlere Band, auch wenn die Summe unter 5 bleibt, da ein einzelner Parameter mit 3 Punkten für sich genommen ein Warnsignal darstellt.
Validierung und Testgüte
Eine systematische Übersicht zu Frühwarnsystemen in verschiedenen Patientengruppen und Versorgungsumgebungen fand, dass NEWS in internistischen (AUC 0,74) und chirurgischen (AUC 0,77) Bereichen sowie bei Atemwegserkrankungen (AUC 0,77) am besten abschnitt, bei erheblicher Heterogenität zwischen den Studien (I² 72–99 %) und insgesamt unzureichender methodischer Qualität [1]. Nur wenige Studien untersuchten zum Zeitpunkt der Übersicht speziell NEWS2.
In einer großen externen Validierung an einer asiatischen Population mit 58 809 Patientinnen und Patienten auf Allgemeinstationen in Singapur erreichte NEWS2 eine AUROC von 0,898 für den kombinierten Endpunkt klinische Verschlechterung (Tod, ungeplante Intensivverlegung oder Reanimationsalarm) innerhalb von 24 Stunden [2]. Die Diskrimination war für die Mortalität exzellent (AUROC 0,963), für die ungeplante Intensivverlegung (AUROC 0,761) und den Reanimationsalarm (AUROC 0,795) jedoch nur mäßig. Die Kalibrierung war für die Mortalität exzellent, für Intensivverlegung und Herzstillstand hingegen schlecht, was darauf hindeutet, dass der Score das Risiko für diese Endpunkte in den höheren Risikobereichen überschätzt. An einer Schwelle von ≥5 wurden 82,2 % aller Verschlechterungsereignisse erfasst, dabei aber bei 22,9 % der Patientinnen und Patienten ein Alarm ausgelöst, was den Zielkonflikt zwischen Sensitivität und Alarmlast veranschaulicht [2].
Eine prospektive Validierung an einer Notaufnahme in Kolumbien mit 3986 Patientinnen und Patienten berichtete eine AUC von 0,90 für die Krankenhaussterblichkeit, mit einer optimalen Schwelle bei ≥7 Punkten (Sensitivität 66 %, Spezifität 96 %) [3]. In einer kleineren norwegischen prospektiven Kohorte von 66 COVID-19-Patientinnen und -Patienten sagte ein NEWS2 ≥6 bei Aufnahme einen schweren Verlauf mit einer AUC von 0,822 voraus (Sensitivität 80 %, Spezifität 84 %) und war qSOFA (AUC 0,624) überlegen [4].
Insgesamt zeigt NEWS2 eine starke Diskrimination für die Mortalität, aber eine schwächere Leistung bei der Vorhersage von Intensivbedarf und Herzstillstand, besonders außerhalb internistischer Versorgungsbereiche.
Limitationen
NEWS2 ist für Erwachsene validiert (≥16 Jahre in den Originalleitlinien, ≥18 Jahre in den meisten Validierungsstudien) und darf weder bei Kindern noch bei Schwangeren angewandt werden. Das Instrument ist für die Akutversorgung entwickelt und verliert an prädiktivem Wert bei elektiven oder chronischen Behandlungssituationen, in denen die Vitalparameter stabil sind, sich der Zustand aber aus anderen Gründen verschlechtern kann.
Die wichtigsten Fehlanwendungen sind:
- Falsche SpO₂-Skala: Skala 2 (Zielbereich 88–92 %, hyperkapnische Insuffizienz) darf nur bei Patientinnen und Patienten mit klinisch vereinbartem niedrigerem Sauerstoffzielwert verwendet werden, typischerweise bei chronisch hyperkapnischer respiratorischer Insuffizienz wie bei COPD. Skala 2 auf jemanden ohne hyperkapnische Insuffizienz anzuwenden unterschätzt die Hypoxämie; Skala 1 auf jemanden mit Zielbereich 88–92 % anzuwenden kann für akzeptable Sättigungen falsch hohe Punktzahlen ergeben.
- Statische Messung: NEWS2 ist eine Momentaufnahme. Wer 3 Punkte hat, kann stabil sein oder sich rasch verschlechtern. Der Score ist im Verlauf zu interpretieren, nicht als Einzelmessung.
- Sauerstoffgabe als binäre Variable: Die Sauerstoffgabe ergibt 2 Punkte, unabhängig davon, ob 2 oder 15 Liter verabreicht werden. Wer einen steigenden Sauerstoffbedarf bei unveränderter Sättigung hat, kann somit einen unveränderten NEWS2 aufweisen, was eine Verschlechterung maskiert. Das Royal College of Physicians betont, dass jede Zunahme des Sauerstoffbedarfs unabhängig von der Punktzahl eine Beurteilung auslösen muss.
- Begrenzte Kalibrierung für andere Endpunkte als die Mortalität: Wie die Validierungsstudien zeigen, ist der Score am sichersten für die Vorhersage des Todes und am schwächsten für die Vorhersage des Intensivbedarfs, bei dem andere Faktoren (Entscheidungsprozesse, Bettenverfügbarkeit, chronischer Status) das Ergebnis stärker beeinflussen als die Vitalparameter.
Quellen
- Alhmoud B et al. Performance of universal early warning scores in different patient subgroups and clinical settings: a systematic review. BMJ Open 2021. PMID: 36044371
- Chen L et al. Predictive performance and temporal dynamics of national early warning score 2 (NEWS2) in detecting clinical deterioration in general ward: A large-scale validation study in Singapore. Resuscitation Plus 2025. PMID: 41142216
- Vergara P et al. Validation of the National Early Warning Score (NEWS)-2 for adults in the emergency department in a tertiary-level clinic in Colombia: Cohort study. Medicine 2021. PMID: 34622831
- Myrstad M et al. National Early Warning Score 2 (NEWS2) on admission predicts severe disease and in-hospital mortality from Covid-19: a prospective cohort study. Scandinavian Journal of Trauma, Resuscitation and Emergency Medicine 2020. PMID: 32660623