Klinischer Hintergrund
Die Synkope ist ein häufiger Notfallanlass, bei dem die klinische Herausforderung darin besteht, Personen mit guter Prognose von jenen mit einer schwerwiegenden zugrunde liegenden Ursache zu trennen. Etwa 10 Prozent der Menschen, die sich in der Notaufnahme mit Synkope vorstellen, haben eine schwerwiegende oder potenziell lebensbedrohliche Ursache, die bei der ersten Beurteilung nicht immer offensichtlich ist [2]. Der OESIL-Score wurde entwickelt, um mit einfachen, beim Notfallbesuch verfügbaren Variablen die Gesamtmortalität innerhalb von 12 Monaten abzuschätzen und damit die Entscheidung über stationäre Aufnahme oder ambulante Weiterabklärung zu stützen.
Berechnung des OESIL
Der Score ist eine einfache arithmetische Summe von vier binären Variablen:
Jede Variable ergibt 0 oder 1 Punkt. Der Bereich reicht von 0 bis 4.
Die Ableitungskohorte bestand aus 270 konsekutiven Personen (145 Frauen, mittleres Alter 59,5 Jahre), die sich wegen einer Synkope in sechs italienischen Krankenhäusern der Region Latium vorstellten [1]. Eine multivariate Analyse identifizierte vier unabhängige Prädiktoren der Gesamtmortalität innerhalb von 12 Monaten. Der Score wurde prospektiv in einer separaten Kohorte von 328 Personen (178 Frauen, mittleres Alter 57,5 Jahre) validiert, mit einem ähnlichen Muster steigender Mortalität bei steigender Punktzahl [1].
In der Ableitungskohorte betrug die Mortalität je Punktstufe:
| Punktzahl | 12-Monats-Mortalität |
|---|---|
| 0 | 0 % |
| 1 | 0,8 % |
| 2 | 19,6 % |
| 3 | 34,7 % |
| 4 | 57,1 % |
Interpretation in der Praxis
Die deutlichste Stärke des Scores ist die Identifikation von Personen mit niedrigem Risiko. Bei 0 Punkten trat in der Ableitungskohorte kein Todesfall auf, und 1 Punkt entsprach einer Mortalität unter 1 Prozent. Diese Personen können in der Regel ambulant geführt werden, sofern das klinische Bild im Übrigen mit einer benignen Ursache vereinbar ist.
Ab 2 Punkten steigt die Mortalität steil an, und bei 3 oder 4 Punkten ist sie so hoch, dass eine Aufnahme und eine zügige kardiale Abklärung gerechtfertigt sind. Eine wichtige Nuance ist, dass die Schwelle in älteren Populationen möglicherweise angehoben werden muss. In einer italienischen Validierungskohorte mit deutlich älteren Personen (mittleres Alter 72,4 Jahre gegenüber 59,5 Jahren in der Ableitung) war ein OESIL-Score von 2 oder höher mit keinem Endpunkt außer dem Bedarf an größeren therapeutischen Maßnahmen assoziiert, während ein Score von 3 oder höher sowohl nach 1 Monat als auch nach 1 Jahr ein starker Prädiktor schwerwiegender Ereignisse war [3]. Die Autoren schlugen daher vor, die Aufnahmeschwelle auf 3 Punkte anzuheben, wenn die Patientenpopulation älter ist als die ursprüngliche Ableitungskohorte.
Validierung und Testgüte
OESIL ist eines von drei Synkopeninstrumenten, die in mehr als zwei externen Studien validiert wurden (die anderen sind die San Francisco Syncope Rule und der Canadian Syncope Risk Score). Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von 2025 identifizierte fünf Validierungsstudien für OESIL mit positiven Likelihood-Quotienten (LR+) von 1,16 bis 3,32 und negativen Likelihood-Quotienten (LR−) von 0,14 bis 0,46 [2]. In den Ableitungsstudien hatte OESIL den niedrigsten LR− (0,04), was darauf hindeutet, dass eine niedrige Punktzahl ein Risiko relativ gut ausschließt [2]. Die gepoolte Sensitivität von OESIL wies eine mäßige Heterogenität auf (I² = 37,1 %), geringer als bei den anderen Instrumenten [2].
In einer prospektiven Beobachtungsstudie, die OESIL mit der San-Francisco-Regel und der unstrukturierten klinischen Beurteilung verglich, hatte OESIL eine Sensitivität von 88 Prozent und eine Spezifität von 60 Prozent für kurzfristig bedeutsame Endpunkte (innerhalb von 10 Tagen), bei einer Aufnahmerate von 43 Prozent [2]. Die klinische Beurteilung war spezifischer (69 Prozent) und führte zu weniger Aufnahmen (34 Prozent), übersah aber zwei Personen, die nach der Entlassung starben und die beide von OESIL erkannt worden waren [2].
Die Leistung sinkt jedoch in Populationen und für Endpunkte, für die das Instrument nicht entwickelt wurde. In einer iranischen Studie an 187 Personen mit Synkope (mittleres Alter 64,2 Jahre) betrug die AUC von OESIL 0,54 für die Mortalität, 0,62 für den Myokardinfarkt und 0,47 für den Schlaganfall innerhalb von 1 Woche, also nahe dem Zufallsniveau [4]. Keines der vier getesteten Modelle (OESIL, San Francisco, Boston, ROSE) unterschied sich signifikant von den anderen [4]. Das ist wesentlich: OESIL wurde für die 12-Monats-Mortalität abgeleitet, und seine Fähigkeit, kurzfristig bedeutsame kardiale oder neurologische Ereignisse vorherzusagen, ist begrenzt.
Eine retrospektive kanadische Studie an bereits auf einer internistischen Station aufgenommenen Personen fand, dass 30,6 Prozent einen OESIL von 0 bis 1 hatten und potenziell ambulant hätten geführt werden können, während die übrigen 69,4 Prozent mit 2 bis 4 Punkten ein Mortalitätsrisiko von 20 Prozent pro Jahr aufwiesen [5]. Das bestätigt, dass der Score auch in einer stationären Population Personen mit niedrigem Risiko identifizieren kann; die Studie war jedoch retrospektiv und selektiert.
Limitationen
OESIL misst die Gesamtmortalität, nicht spezifische kardiale Ereignisse. Das ist eine wichtige Unterscheidung: Eine Person kann an Ursachen versterben, die nichts mit der Synkope zu tun haben, und der Score sagt nichts über den Bedarf einer spezifischen kardialen Diagnostik aus. Dem Instrument fehlen zudem Variablen, die in neueren und detaillierteren Instrumenten enthalten sind, etwa Vitalparameter, kardiale Biomarker und eine detaillierte Anamnese zur Herzinsuffizienz.
Der Score wurde an einer italienischen Notaufnahmepopulation der frühen 2000er-Jahre mit relativ niedrigem Durchschnittsalter abgeleitet. In älteren Kohorten, in denen ein großer Anteil allein für das Alter automatisch 1 Punkt erhält, verliert die Schwelle von 2 Punkten an Trennschärfe [3]. In einer tschechischen Studie an 153 Personen erreichte OESIL für die Einstufung einer kardialen Synkope eine Sensitivität von 93 Prozent, aber nur eine Spezifität von 54,6 Prozent, was einem hohen Anteil falsch positiver Befunde entspricht [6].
Die systematische Übersichtsarbeit stellt fest, dass die Evidenzqualität für alle drei gut validierten Synkopeninstrumente niedrig ist, mit erheblicher Überlappung der Testeigenschaften und Verdacht auf Publikationsbias [2]. Keines der Instrumente erreicht einen LR+ über 5, also das Niveau, das allgemein erforderlich ist, damit ein Test die Vortestwahrscheinlichkeit hinreichend verändert, um allein eine Maßnahme zu rechtfertigen [2].
OESIL ersetzt die klinische Beurteilung nicht und sollte nicht als alleinige Grundlage für die Aufnahmeentscheidung dienen. Bei Verdacht auf eine kardiale Ursache, auffälligen Vitalparametern oder auffälligen Biomarkern sollten spezielle Synkopenleitlinien und gegebenenfalls der Canadian Syncope Risk Score herangezogen werden.
Quellen
- Colivicchi F, Ammirati F, Melina D, et al. Development and prospective validation of a risk stratification system for patients with syncope in the emergency department: the OESIL risk score. Eur Heart J. 2003;24(9):811–819. PMID: 12727148
- Wakai A, Sinert R, Zehtabchi S, et al. Risk-stratification tools for emergency department patients with syncope: A systematic review and meta-analysis of direct evidence for SAEM GRACE. Acad Emerg Med. 2025;32(1):72–86. PMID: 39496561
- Numeroso F, Mossini G, Montali F, et al. Prognostic value of the OESIL risk score in a cohort of Emergency Department patients with syncope. Minerva Med. 2013;104(4):413–419. PMID: 24008603
- Safari S, Baratloo A, Hashemi B, et al. Comparison of different risk stratification systems in predicting short-term serious outcome of syncope patients. J Res Med Sci. 2016;21:57. PMID: 27904602
- Baranchuk A, McIntyre W, Harper W, et al. Application of the American College of Emergency Physicians (ACEP) recommendations and a risk stratification score (OESIL) for patients with syncope admitted from the emergency department. Indian Pacing Electrophysiol J. 2011;11(5):134–144. PMID: 21994471
- Plasek J, Doupal V, Fürstova J, et al. The EGSYS and OESIL risk scores for classification of cardiac etiology of syncope: comparison, revaluation, and clinical implications. Biomed Pap Med Fac Univ Palacky Olomouc Czech Repub. 2010;154(2):169–173. PMID: 20668500