Klinischer Hintergrund
Der TIMI-Risikoscore für den STEMI wurde entwickelt, um bei der Vorstellung von Personen mit ST-Hebungsinfarkt eine rasche, am Krankenbett anwendbare Risikobeurteilung zu ermöglichen. Die klinische Entscheidung betrifft Triage und Behandlungsintensität: Wer kann standardisiert versorgt werden, und wer benötigt eine rasch eskalierte Versorgung, Überwachung oder Verlegung in eine höhere Versorgungsstufe? Der Score fasst acht klinische Variablen zusammen, die bei der Vorstellung sofort verfügbar sind, im Unterschied zu komplexeren Modellen, die Laborwerte oder eine Echokardiographie erfordern und daher für die akute Triage nicht taugen.
Berechnung des TIMI-Risikoscores
Der Score ist eine gewichtete Summe aus acht klinischen Variablen, wobei jede Variable eine Punktzahl entsprechend ihrem relativen Beitrag zum Mortalitätsrisiko im multivariaten Modell erhält:
Die Variablen und ihre Punktwerte lauten:
| Variable | Wert | Punkte |
|---|---|---|
| : Alter | 0 | |
| 65–74 | 2 | |
| 3 | ||
| : Diabetes, Hypertonie oder Angina pectoris | nein | 0 |
| ja | 1 | |
| : systolischer Blutdruck mmHg | nein | 0 |
| ja | 3 | |
| : Herzfrequenz /min | nein | 0 |
| ja | 2 | |
| : Killip-Klasse II–IV | nein | 0 |
| ja | 2 | |
| : Gewicht kg | nein | 0 |
| ja | 1 | |
| : anteriore ST-Hebung oder Linksschenkelblock | nein | 0 |
| ja | 1 | |
| : Zeit bis zur Behandlung Stunden | nein | 0 |
| ja | 1 |
Die Höchstpunktzahl beträgt 14.
Die Ableitungskohorte war die InTIME-II-Studie, eine Fibrinolysestudie mit 14 114 STEMI-Patientinnen und -Patienten, die für eine Thrombolyse infrage kamen [1]. Das mittlere Alter war hoch, und die mittlere 30-Tage-Mortalität der Kohorte betrug 6,7 %. Der Score wurde mittels logistischer Regression gegen die 30-Tage-Mortalität modelliert, wobei die acht Variablen zusammen 97 % der Vorhersagekraft des vollständigen Modells ausmachten [1].
Interpretation in der Praxis
In der Ableitungskohorte zeigte der Score einen stufenweisen Anstieg der Mortalität von unter 1 % bei 0 Punkten bis zu einer mehr als 40-fachen Erhöhung bei über 8 Punkten [1]. Konventionell wird der Score in drei Risikobereiche eingeteilt:
| Punkte | Risikoniveau | Klinisches Vorgehen |
|---|---|---|
| 0–3 | Niedrig | Standardisiertes Vorgehen; Mortalität <5 % in der Ableitungskohorte [1] |
| 4–6 | Intermediär | Verstärkte Überwachung; individuelle Beurteilung des Bedarfs an Intensivtherapie oder eskalierter Reperfusion |
| Hoch | Intensivtherapie; frühe und konsequente Reperfusion; bei kardiogenem Schock mechanische Kreislaufunterstützung erwägen |
In einer taiwanesischen Kohorte von 796 STEMI-Fällen mit primärer PCI betrug der Medianwert 4 Punkte, und Personen mit einem Punktwert ohne Leukozytose hatten eine Einjahresmortalität von 0 % [3]. Das stützt die Verwendung eines Punktwerts als Schwelle zur Identifikation einer Gruppe mit sehr niedrigem Risiko, auch in der PCI-Ära.
Validierung und Testgüte
In der Ableitungskohorte betrug die c-Statistik 0,779 und war damit dem vollständigen multivariaten Modell (0,784) vergleichbar [1]. Die externe Validierung in der TIMI-9-Studie, einer weiteren Fibrinolysestudie, ergab eine c-Statistik von 0,746 [1].
In einer Kohorte der PCI-Ära aus Taiwan (796 Personen, primäre PCI) betrug die c-Statistik des TIMI-Risikoscores für die Einjahresmortalität 0,774 [3]. Das chinesische Henan-STEMI-Register (3 939 Personen, primäre PCI) fand, dass der TIMI-Risikoscore beim ersten medizinischen Kontakt für die 30-Tage-Mortalität dem GRACE-Score gleichwertig war, während ein stationärer Stufenscore mit Kreatinin und linksventrikulärer Ejektionsfraktion (LVEF) beiden überlegen war [4]. In einer kleineren indischen Kohorte (150 Personen, Reperfusion mit PCI oder Thrombolyse) betrug die AUC des TIMI-Scores 0,74 für die Mortalität und 0,69 für MACE nach 30 Tagen, während der GRACE-Score mit einer AUC von 0,88 signifikant besser abschnitt [5].
In einer speziellen Untergruppe von Personen mit Diabetes und STEMI (455 Personen, Taiwan) schnitt der TIMI-Score schlechter ab als der CADILLAC-Score, der LVEF, Nierenfunktion und Anämie einschließt, bei der Vorhersage der Mortalität nach 6, 12 und 24 Monaten [2]. Die Kalibrierung des TIMI-Scores war in dieser Kohorte jedoch gut (Hosmer-Lemeshow –) [2].
Limitationen
Die Fibrinolyse-Ära als Ableitungskontext. Der Score wurde in InTIME-II abgeleitet, wo alle Teilnehmenden eine Fibrinolyse erhielten [1]. In der Ära der primären PCI, in der die rasche mechanische Reperfusion Standard ist, ist die Ausgangsmortalität niedriger, und der Score dürfte das Risiko überschätzen. Das bestätigt sich indirekt darin, dass neuere Scores der PCI-Ära (CADILLAC, stationärer Stufenscore) besser abschneiden als TIMI, sobald PCI-Daten verfügbar sind [2, 4].
Fehlende Variablen. Der Score enthält weder Nierenfunktion noch LVEF oder Herzstillstand bei Vorstellung, Variablen, die in mehreren Kohorten über TIMI hinaus prädiktiven Wert gezeigt haben [2, 3]. In der taiwanesischen PCI-Kohorte stieg die c-Statistik durch Ergänzung der Leukozytenzahl von 0,774 auf 0,805 [3].
Die Gewichtsgrenze <67 kg. Diese Grenze wurde aus einer überwiegend nordamerikanischen Population abgeleitet und bildet den Zusammenhang zwischen niedrigem Körpergewicht und erhöhtem Blutungsrisiko unter Fibrinolyse ab. In Populationen mit anderer Körperzusammensetzung kann diese Variable weniger zur Vorhersage beitragen.
Killip-Klasse und Blutdruck sind dynamisch. Der Score wird zu einem Zeitpunkt berechnet, doch der Status bei Vorstellung kann sich rasch ändern. Wer sich zunächst mit Killip I und normalem Blutdruck vorstellt, kann rasch einen kardiogenen Schock entwickeln, weshalb der Score die fortlaufende klinische Beobachtung nicht ersetzt.
GRACE übertrifft TIMI in mehreren Kohorten. In direkten Vergleichen schneidet der GRACE-Score, der Kreatinin und Herzstillstand bei Vorstellung einschließt, sowohl für die Mortalität als auch für MACE häufig besser ab als TIMI [5]. GRACE ist jedoch komplexer und erfordert Laborwerte, was die Anwendung in der akuten Triage erschwert.
Quellen
- Morrow DA, Antman EM, Charlesworth A, et al. TIMI risk score for ST-elevation myocardial infarction: a convenient, bedside, clinical score for risk assessment at presentation. Circulation. 2000;102(17):2031–7. PMID: 11044416
- Kao YT, Hsieh YC, Hsu CY, et al. Comparison of the TIMI, GRACE, PAMI and CADILLAC risk scores for prediction of long-term cardiovascular outcomes in Taiwanese diabetic patients with ST-segment elevation myocardial infarction. PLoS One. 2020;15(2):e0229186. PMID: 32053694
- Yeh YT, Liu CW, Li AH, et al. Rapid early triage by leukocytosis and the Thrombolysis in Myocardial Infarction (TIMI) risk score for ST-elevation myocardial infarction undergoing primary percutaneous coronary intervention. Medicine (Baltimore). 2016;95(27):e2857. PMID: 26886652
- Wang S, Zhang Y, Qi D, et al. Development and validation of a risk score for predicting 30-day mortality in patients with ST elevation myocardial infarction. Sci Rep. 2025;15:478255. PMID: 40087520
- Sr A, Lakshmaiah Y, DGSR KM, et al. A comparison of TIMI and GRACE scores, myocardial blush grade, and shock index-based indices for predicting outcomes in STEMI patients undergoing reperfusion. Cureus. 2025;17(5):e84938. PMID: 40585749