Klinischer Hintergrund
Der Taille-Hüft-Quotient erfüllt eine Funktion, die der Body-Mass-Index (BMI) nicht leisten kann: Er erfasst die Fettverteilung und nicht nur die Fettmenge. Zwei Personen mit identischem BMI können ein völlig unterschiedliches kardiometabolisches Risiko haben, je nachdem, ob das Fett subkutan und peripher oder viszeral und zentral verteilt ist. Genau dies zeigten Ohlson und Mitarbeitende in der prospektiven Göteborger Kohorte der 1913 geborenen Männer: Der Taille-Hüft-Quotient war unabhängig vom BMI mit der Diabetesinzidenz assoziiert [1]. Ein Instrument, das die zentrale von der Gesamtadipositas unterscheidet, hat damit einen eigenständigen klinischen Wert als Ergänzung zum BMI, insbesondere bei Personen, bei denen der BMI das metabolische Risiko unterschätzt.
Berechnung des Taille-Hüft-Quotienten
Der Taille-Hüft-Quotient wird als Quotient aus Taillen- und Hüftumfang berechnet, beide in derselben Längeneinheit:
Der Taillenumfang wird in der Mitte zwischen unterster Rippe und Oberkante des Beckenkamms im Stehen am Ende einer normalen Ausatmung gemessen, mit horizontal geführtem Maßband, ohne das Weichgewebe zu komprimieren. Der Hüftumfang wird an der breitesten Stelle über der Gesäßmuskulatur gemessen, ebenfalls horizontal.
Die Ableitungskohorte bestand aus 792 im Jahr 1913 in Göteborg geborenen Männern, die bei Studienbeginn 1967 54 Jahre alt waren [1]. Nach 13,5 Jahren Nachbeobachtung wurden die Ausgangsmessungen zur Inzidenz eines Diabetes mellitus in Beziehung gesetzt. Der Taille-Hüft-Quotient war auch nach Adjustierung für den BMI als Maß der Gesamtfettmasse positiv und signifikant mit dem Diabetesrisiko assoziiert.
Interpretation in der Praxis
Die etablierten WHO-Schwellen für ein deutlich erhöhtes kardiometabolisches Risiko sind geschlechtsspezifisch:
| Taille-Hüft-Quotient | Männer | Frauen |
|---|---|---|
| Niedriges Risiko | < 0,90 | < 0,85 |
| Deutlich erhöhtes Risiko | ≥ 0,90 | ≥ 0,85 |
Das Überschreiten der Schwelle stellt für sich genommen keine Diagnose dar, sollte aber zu einer umfassenden kardiometabolischen Risikobeurteilung führen: Blutdruck, Lipidstatus, Nüchternplasmaglukose und HbA1c sowie ein Gespräch über Lebensstilfaktoren. Bei normalem BMI und erhöhtem Taille-Hüft-Quotienten ist der Quotient ein Grund, sich nicht auf den BMI zu verlassen, sondern das tatsächliche Risiko zu beurteilen. Wer unter der Schwelle liegt und zugleich einen normalen BMI hat, hat ein niedriges Risiko für Erkrankungen infolge zentraler Adipositas, sodass weitere Risikomarker in der Abklärung nachrangig sein können.
Validierung und Testgüte
Assoziation mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Mortalität. In der INTERHEART-Studie, einer Fall-Kontroll-Studie mit 27 098 Teilnehmenden in 52 Ländern, zeigte der Taille-Hüft-Quotient eine graduelle und hochsignifikante Assoziation mit dem akuten Myokardinfarkt (OR 2,52 für das höchste gegenüber dem niedrigsten Quintil, adjustiert für Alter, Geschlecht, Region und Rauchen) [2]. Die Assoziation des BMI verschwand nach Adjustierung für den Taille-Hüft-Quotienten weitgehend. Das populationsattributable Risiko für den Myokardinfarkt betrug für die beiden höchsten Quintile des Taille-Hüft-Quotienten 24,3 % gegenüber 7,7 % für die entsprechenden BMI-Quintile.
Eine systematische Übersichtsarbeit mit Dosis-Wirkungs-Metaanalyse von 72 prospektiven Kohortenstudien mit über 2,5 Millionen Teilnehmenden fand für die Gesamtmortalität eine HR von 1,20 (95 %-KI 1,15–1,25) je Zunahme des Taille-Hüft-Quotienten um 0,1 Einheiten, mit einer positiven monotonen Dosis-Wirkungs-Beziehung [3].
Zusatznutzen gegenüber konventionellen Risikofaktoren. Die Emerging Risk Factors Collaboration analysierte 221 934 Personen in 58 prospektiven Kohorten mit 14 297 kardiovaskulären Ereignissen über 1,87 Millionen Personenjahre [4]. Die HR je 1 Standardabweichung höherem Taille-Hüft-Quotienten (0,083 Einheiten) betrug nach Adjustierung für Alter, Geschlecht, Rauchen, systolischen Blutdruck, Diabetesanamnese und Lipide 1,12 (1,08–1,15). Die Aufnahme des Taille-Hüft-Quotienten in ein Modell mit konventionellen Risikofaktoren verbesserte die Diskrimination jedoch nicht bedeutsam (Änderung des C-Index 0,0008). Die Schlussfolgerung lautete, dass der Taille-Hüft-Quotient ebenso wie BMI und Taillenumfang nicht wesentlich zur kardiovaskulären Risikovorhersage beiträgt, wenn Blutdruck, Lipide und Diabetesanamnese bereits bekannt sind.
Testgüte bei Typ-2-Diabetes. In der ADVANCE-Studie mit 11 140 Personen mit Typ-2-Diabetes und einer mittleren Nachbeobachtung von 4,8 Jahren war der Taille-Hüft-Quotient unter drei anthropometrischen Maßen der stärkste Prädiktor kardiovaskulärer Ereignisse und der Sterblichkeit [5]. Die HR je 1 SD (0,08) betrug 1,12 (1,05–1,19) für kardiovaskuläre Ereignisse und 1,19 (1,09–1,31) für den kardiovaskulären Tod. Der BMI war mit keinem Endpunkt signifikant assoziiert. Die AUC unterschied sich zwischen den drei Maßen nicht signifikant, doch die Integrated Discrimination Improvement war für den Taille-Hüft-Quotienten höher als für den BMI.
Geschlechts- und Altersunterschiede. In der deutschen KORA-Kohorte (13 307 Teilnehmende, 25–74 Jahre, 15,4 Jahre Nachbeobachtung) war der Taille-Hüft-Quotient bei beiden Geschlechtern signifikant mit der Gesamt- und der kardiovaskulären Mortalität assoziiert, wobei die Assoziation bei Frauen besonders ausgeprägt war [6]. Frauen im dritten und vierten Quartil hatten gegenüber dem Referenzquartil eine deutlich erhöhte Gesamtmortalität, während das Muster bei Männern komplexer war und Beiträge mehrerer anthropometrischer Indizes umfasste.
Reproduzierbarkeit. In einer Studie zu selbst und von Fachpersonal gemessenem Taillen- und Hüftumfang betrug die Intraklassenkorrelation zwischen Selbstmessung und Fachpersonal 0,97 für die Taille und 0,96 für die Hüfte, bei geringen systematischen Unterschieden [7]. Die Emerging Risk Factors Collaboration fand für den Taille-Hüft-Quotienten allerdings eine geringere Reproduzierbarkeit (Regressionsverdünnungsquotient 0,63) als für den BMI (0,95) und den Taillenumfang (0,86), was widerspiegelt, dass ein Verhältnis aus zwei Messungen die Messfehler beider akkumuliert [4].
Limitationen
Der Taille-Hüft-Quotient verbessert die kardiovaskuläre Risikovorhersage über etablierte Risikofaktoren wie Blutdruck, Lipide und Diabetesanamnese hinaus nicht [4]. Sein wichtigster klinischer Wert liegt darin, eine zentrale Adipositas bei Personen zu erkennen, bei denen der BMI das metabolische Risiko nicht abbildet, nicht darin, eine formale Risikoberechnung zu ersetzen.
Die Reproduzierbarkeit ist geringer als beim BMI, und die Messtechnik ist entscheidend. Die Landmarken (Mitte zwischen unterster Rippe und Oberkante des Beckenkamms beziehungsweise breiteste Stelle über der Gesäßmuskulatur) müssen konsequent aufgesucht werden. Unterschiedliche Messprotokolle können systematisch abweichende Ergebnisse liefern und Vergleiche über die Zeit und zwischen Behandelnden erschweren.
Die Schwellen von ≥0,90 bei Männern und ≥0,85 bei Frauen sind bevölkerungsbezogen abgeleitet und müssen für bestimmte ethnische Gruppen mit abweichender Körperzusammensetzung und Fettverteilung möglicherweise angepasst werden. Der Taille-Hüft-Quotient gilt nicht für Schwangere, Kinder oder Personen mit Zuständen, die die Bauch- oder Hüftkonfiguration verändern (Aszites, größere Bauchtumoren, Stoma, lumbopelvine Chirurgie). Bei sehr alten Personen können eine veränderte Körperzusammensetzung und Muskelmasse sowohl Taillen- als auch Hüftumfang und damit die Interpretierbarkeit des Quotienten beeinflussen.
Quellen
- Ohlson LO, Larsson B, Svärdsudd K et al. The influence of body fat distribution on the incidence of diabetes mellitus. 13.5 years of follow-up of the participants in the study of men born in 1913. Diabetes 1985;34(10):1055–8. PMID: 4043554
- Yusuf S, Hawken S, Ounpuu S et al. Obesity and the risk of myocardial infarction in 27,000 participants from 52 countries: a case-control study. Lancet 2005;366(9497):1640–9. PMID: 16271645
- Jayedi A, Soltani S, Zargar MS et al. Central fatness and risk of all cause mortality: systematic review and dose-response meta-analysis of 72 prospective cohort studies. BMJ 2020;370:m3324. PMID: 32967840
- Emerging Risk Factors Collaboration, Wormser D, Kaptoge S et al. Separate and combined associations of body-mass index and abdominal adiposity with cardiovascular disease: collaborative analysis of 58 prospective studies. Lancet 2011;377(9771):1085–95. PMID: 21397319
- Czernichow S, Kengne AP, Huxley RR et al. Comparison of waist-to-hip ratio and other obesity indices as predictors of cardiovascular disease risk in people with type-2 diabetes: a prospective cohort study from ADVANCE. Eur J Cardiovasc Prev Rehabil 2011;18(2):312–9. PMID: 20628304
- Rost S, Freuer D, Peters A et al. New indexes of body fat distribution and sex-specific risk of total and cause-specific mortality: a prospective cohort study. BMC Public Health 2018;18(1):427. PMID: 29609587
- Barrios P, Martin-Biggers J, Quick V et al. Reliability and criterion validity of self-measured waist, hip, and neck circumferences. BMC Med Res Methodol 2016;16:49. PMID: 27145829