Zusammenfassung
Die Depression ist ein klinisches Syndrom mit anhaltenden oder sich verschlechternden depressiven Symptomen und einer klinisch bedeutsamen Beeinträchtigung der sozialen Funktionsfähigkeit, der Arbeitsfähigkeit, der Studierfähigkeit oder der Alltagsfunktion. Erkennbar ist das Krankheitsbild an gedrückter Stimmung oder depressiven Zügen, verbunden etwa mit verminderter Motivation und Freudfähigkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen, Müdigkeit sowie Schuld- und Schamgefühlen. Die Diagnose wird durch ein klinisches Interview mit einer Gesamtbeurteilung von Symptomen, zeitlichem Verlauf, Funktionsniveau, früheren Episoden, psychotischen Symptomen und Differenzialdiagnosen gesichert; Beurteilungsskalen dienen lediglich als Unterstützung. Das Suizidrisiko ist strukturiert zu beurteilen, und eine schwere Depression, selbstverletzendes Verhalten, Psychose oder Manie erfordern eine rasche ärztliche Beurteilung und eine Entscheidung über eine fachpsychiatrische Versorgung. Die Behandlung wird nach Schweregrad, Funktionsbeeinträchtigung, Komorbidität, Suizidrisiko und sozialer Situation individualisiert und kann psychologische oder pharmakologische Behandlung mit strukturierter Verlaufskontrolle von Symptomen, Funktion und Behandlungszielen umfassen.
Definition und Krankheitslast
Depression als klinisches Syndrom
Die Depression ist ein klinisches Syndrom, bei dem depressive Symptome über die Zeit fortbestehen oder sich verschlechtern und zu einem eingeschränkten Funktionsniveau führen. Sie ist abzugrenzen von leichten, vorübergehenden Reaktionen auf Stress oder Belastung, nach denen sich die Person vollständig erholt und das Risiko einer bleibenden Funktionseinschränkung gering ist.
Die Depression kann durch gedrückte Stimmung oder depressive Züge in Verbindung mit Veränderungen von Motivation, Konzentration, Schlaf und der Fähigkeit, Freude zu empfinden, gekennzeichnet sein. Ausgeprägte Schuld- und Schamgefühle können auftreten. Bei schwereren Zuständen kann die Person einen Kontrollverlust erleben und ihre gewohnte Funktionsweise nicht mehr wiedererkennen.
Das Stresskontinuum veranschaulicht den Übergang vom Wohlbefinden zum klinischen Syndrom:
| Stufe | Charakter | Typische Zeichen |
|---|---|---|
| Bereit | Optimale Funktion, Anpassungsfähigkeit und Wohlbefinden | Fokussiert, motiviert, ruhig und mit Kontrollerleben |
| Reagierend | Leichte, vorübergehende Reaktionen mit vollständiger Erholung | Gereiztheit, Sorge oder gedrückte Stimmung, verminderte Motivation, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und verminderte Freude |
| Beeinträchtigt | Schwerere Reaktionen oder eingeschränkte Funktion mit höherem Risiko anhaltender Beschwerden | Kontrollverlust, depressive Züge sowie ausgeprägte Schuld- und Schamgefühle |
| Klinisches Syndrom | Anhaltende stressbedingte Schädigung mit eingeschränktem Funktionsniveau | Symptome, die fortbestehen oder sich verschlechtern, sowie ausgeprägte Auswirkungen auf soziale Funktion oder Arbeitsfähigkeit |
Eine einzelne depressive Episode kann als leicht, mittelgradig oder schwer klassifiziert werden. Eine schwere Depression kann mit oder ohne psychotische Symptome auftreten. Psychotische Symptome umfassen Halluzinationen und Wahnvorstellungen und können Teil einer schweren Depression sein. Die Depression kann zudem rezidivierend verlaufen, das heißt in wiederkehrenden Episoden auftreten.
Klinische Formen und diagnostische Zusammenhänge
Depressive Symptome kommen in mehreren diagnostischen Zusammenhängen vor. Der Begriff Depression sollte nicht als unspezifischer Sammelbegriff für jede gedrückte Stimmung verwendet werden.
| Diagnostischer Zusammenhang | Beispiel in der Klassifikation |
|---|---|
| Einzelne depressive Episode | Depressive Episode, nicht näher bezeichnet, F32.9 |
| Rezidivierende Depression | Gegenwärtig mittelgradige oder schwere Episode, mit oder ohne psychotische Symptome |
| Bipolare Störung | Leichte, mittelgradige oder schwere depressive Episode |
| Nach der Entbindung | Postpartale Depression |
| Organisch bedingtes Krankheitsbild | Organische affektive Störung |
| Psychotische Erkrankung | Schizoaffektive Störung, gegenwärtig depressiv |
Eine Depression kann während der Schwangerschaft und im Zusammenhang mit Geburtsangst auftreten. In diesen Situationen kann das Symptombild gleichzeitig Angst oder eine posttraumatische Belastungsstörung umfassen. Depression und Angst sind auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebserkrankungen relevant, wo die psychische Belastung mit körperlichen Symptomen zusammenwirken und die gesundheitsbezogene Lebensqualität beeinflussen kann.
Krankheitslast und Funktionsbeeinträchtigung
Die Krankheitslast wird nicht allein durch die Intensität der Symptome bestimmt. Zentral sind die Auswirkungen auf soziale Funktion, Arbeitsfähigkeit und Funktion im Alltag. Der Patient kann Motivation und Fokus verlieren, Schlafstörungen entwickeln und das Gefühl haben, dass nichts mehr Freude bereitet. Dies kann die Fähigkeit beeinträchtigen, zu arbeiten, zu studieren, Beziehungen aufrechtzuerhalten und alltägliche Aktivitäten auszuführen.
Müdigkeit kann ein Depressionssymptom sein und die Funktionseinschränkung zusätzlich verstärken. Zugleich kann Müdigkeit andere Ursachen haben, etwa eine Anämie oder eine Krebserkrankung, sodass dieses Symptom für sich genommen keine Depression definiert. Bei Krebs sind Depression und Angst mit einer schlechteren gesundheitsbezogenen Lebensqualität assoziiert, insbesondere wenn gleichzeitig Schmerzen oder eine andere ausgeprägte Symptomlast bestehen.
Die Funktionsbeeinträchtigung kann mit dem WHODAS strukturiert erfasst werden. Depressive Symptome können mit dem PHQ-9 oder der MADRS-S selbst beurteilt werden. Solche Instrumente beschreiben die Symptomlast, ersetzen aber nicht die klinische Beurteilung von Syndrom, Schweregrad und Funktionseinschränkung.
Epidemiologie und Risikofaktoren
Häufigkeit bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Depression ist bei Patienten mit manifester koronarer Herzkrankheit häufig. Unter medizinisch stabilen Patienten mit koronarer Herzkrankheit haben 15–20 % eine Major Depression, während bis zu 30 % depressive Symptome aufweisen, ohne dass alle zwingend die diagnostischen Kriterien erfüllen. Das Symptomniveau ist auch dann klinisch bedeutsam, wenn keine vollständige Depressionsdiagnose gestellt werden kann.
Depression wurde in mehr als 100 Studien als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersucht. Die Studienpopulationen unterschieden sich hinsichtlich Alter, Geschlecht, Vorliegen einer Hypertonie und der Art, wie Depression gemessen wurde. Trotz dieser Heterogenität spricht die Gesamtevidenz dafür, dass Depression ein unabhängiger Risikofaktor sowohl für eine neu auftretende koronare Herzkrankheit als auch für ungünstige kardiale Ereignisse bei Personen mit bereits manifester Erkrankung ist.
Mindestens acht Metaanalysen haben gezeigt, dass Depression assoziiert ist mit:
- erhöhtem Risiko für eine neu auftretende koronare Herzkrankheit
- erhöhter Morbidität und Mortalität bei manifester koronarer Herzkrankheit
- erhöhtem Risiko für einen Myokardinfarkt
- erhöhter Gesamtmortalität
- erhöhter kardiovaskulärer Mortalität
- erhöhter Mortalität bei Herzinsuffizienz
Die zuletzt berichtete Metaanalyse umfasste 26 Studien mit insgesamt 1 957 621 Personen. Die Zusammenhänge blieben nach Adjustierung für medizinische und demografische Störfaktoren bestehen. Auch leichtere Formen der Depression wurden mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht, die Zusammenhänge erscheinen jedoch schwächer.
Eine Kohortenstudie aus 21 Ländern umfasste 145 862 Teilnehmer. Personen mit mindestens vier depressiven Symptomen, entsprechend 11 % der Studienpopulation, hatten eine um etwa 20 % höhere Inzidenz von Myokardinfarkt und kardiovaskulärer Mortalität als Personen ohne Depression. Der Zusammenhang war in städtischen Gebieten doppelt so stark wie in ländlichen Gebieten. Unterschiede in Lebensstandard, sozioökonomischer Lage und Zugang zur Gesundheitsversorgung könnten die Ergebnisse beeinflusst haben.
Bei Patienten mit manifester koronarer Herzkrankheit haben über 300 Studien die Depression als prognostischen Faktor analysiert. Das Ausmaß des Risikos variiert, die Gesamtevidenz zeigt jedoch einen konsistenten Zusammenhang sowohl mit medizinischer Morbidität als auch mit Mortalität. Depression wurde daher als bedeutsamer Risikofaktor für Morbidität und Mortalität nach akutem Koronarsyndrom identifiziert.
Der Zusammenhang ist zugleich komplex. Rauchen und andere etablierte kardiovaskuläre Risikofaktoren sind bei Depression häufiger und können zum Exzessrisiko beitragen. Dass Depression nach statistischer Adjustierung als Risikofaktor bestehen bleibt, spricht jedoch dafür, dass der Zusammenhang nicht allein durch diese Faktoren erklärt wird.
Klinische Vulnerabilitätsfaktoren
Das Risiko psychischer Erkrankungen im Zusammenhang mit schweren körperlichen Erkrankungen ist bei Personen mit früheren psychischen Problemen höher. Besonders wichtige Vulnerabilitätsfaktoren sind persönlichkeitsbezogene Schwierigkeiten, welche die Emotionsregulation oder die Fähigkeit zur Anwendung zielführender Bewältigungsstrategien beeinträchtigen.
Folgende Umstände sollten bei der Beurteilung depressiver Symptome beachtet werden:
- frühere psychische Erkrankungen
- frühere belastende oder traumatische Erlebnisse
- Bindungsproblematik
- aktuelle Pflege- oder Verantwortungsrolle
- sozioökonomische Benachteiligung
- unzureichende soziale Unterstützung
Bei Krebserkrankungen zeigen sich ausgeprägtere psychosoziale Probleme bei Patienten mit Rezidiv sowie bei Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung und schlechter Prognose. Depression und Schmerzen sind bei Krebspatienten zudem mit einer schlechteren gesundheitsbezogenen Lebensqualität assoziiert. Das Symptombild kann zwischen Individuen erheblich variieren, sodass eine Depression übersehen werden kann, wenn sich die Beurteilung allein auf spontan berichtete Niedergeschlagenheit stützt.
Depression ist auch eine relevante Komorbidität bei Epilepsie und sollte bei der Verlaufskontrolle aktiv erfragt werden. Gedrückte Stimmung und Schlafstörungen können darüber hinaus Arzneimittelnebenwirkungen sein, die sonst leicht übersehen werden. In der Schwangerschaft tritt Depression als relevante psychiatrische Erkrankung im Zusammenhang mit Geburtsangst auf, zusammen mit Angst und posttraumatischer Belastungsstörung.
Klinisches Bild und Verlauf
Symptombild und Funktionsbeeinträchtigung
Das klinische Bild der Depression ist als Kombination aus psychiatrischen Symptomen und Auswirkungen auf das Funktionsniveau des Patienten zu beschreiben. Die Beurteilung sollte sich nicht auf das Vorliegen einzelner Symptome oder das Ergebnis eines Fragebogens beschränken. Erfassen Sie, wie der Patient im Alltag zurechtkommt und ob sich die Fähigkeit zu Arbeit, Studium, sozialer Teilhabe oder anderen alltäglichen Aktivitäten verändert hat.
Das Symptombild kann komplex sein, insbesondere bei ausgeprägter Komorbidität oder wenn zuverlässige Informationsquellen fehlen. Dann kann es schwierig sein zu entscheiden, welche Problematik primär und welche sekundär ist. Wenn der Patient nur eingeschränkt an der Beurteilung mitwirken kann, können Informationen von Angehörigen und aus früheren Behandlungskontakten besonders wertvoll sein, sofern sie auf angemessene Weise eingeholt werden können.
Depressive Symptome können zusammen mit anderen psychiatrischen Erkrankungen auftreten. Angst, posttraumatische Symptome, Zwangssymptome, Erschöpfungssymptome, neuropsychiatrische Schwierigkeiten oder psychotische Symptome können sowohl das klinische Bild als auch das Funktionsniveau beeinflussen. Eine strukturierte Diagnostik, etwa mit dem M.I.N.I., kann bei unübersichtlichem Symptombild unterstützend eingesetzt werden. Beurteilungsinstrumente sind Hilfsmittel und ersetzen nicht die klinische Gesamtbeurteilung.
Besondere klinische Situationen
Eine Depression kann im Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen und anderen belastenden Lebenssituationen auftreten. Bei Patienten mit Krebs können Depression und Angst mit einer schlechteren gesundheitsbezogenen Lebensqualität verbunden sein. In dieser Gruppe sollte die Erfassung auch psychosoziale Probleme und Rehabilitationsbedarf umfassen. Müdigkeit, Schlafprobleme, Schmerzen und körperliche Erkrankung können zugleich die Interpretation des psychischen Symptombildes erschweren.
Eine Depression kann auch während der Schwangerschaft und im Zusammenhang mit Geburtsangst auftreten. Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörung und depressive Episode können dann gleichzeitige oder alternative Erklärungen für die Beschwerden der Patientin sein. Die Beurteilung muss daher klären, welche Symptome vorliegen, wie sie die Funktion beeinflussen und ob die Patientin koordinierte Maßnahmen verschiedener Versorgungsbereiche benötigt.
Schweres Symptombild
Psychotische Symptome können Teil einer schweren Depression sein. Sie umfassen Halluzinationen, das heißt Sinneswahrnehmungen ohne entsprechenden äußeren Reiz, und Wahnvorstellungen, das heißt Überzeugungen, denen eindeutig der Realitätsbezug fehlt. Neu aufgetretene psychotische Symptome erfordern eine zügige Beurteilung, da sie auch durch Arzneimittel oder Drogen, eine körperliche Erkrankung oder eine primäre psychotische Erkrankung bedingt sein können.
| Klinischer Befund | Bedeutung für die weitere Beurteilung |
|---|---|
| Ausgeprägte Funktionseinschränkung | Spricht für einen höheren klinischen Schweregrad und den Bedarf an vertiefter Beurteilung |
| Komplexes oder unklares Symptombild | Erfordert die Abgrenzung primärer und sekundärer Problematik sowie die Beurteilung der geeigneten Versorgungsstufe |
| Halluzinationen oder Wahnvorstellungen | Können bei schwerer Depression auftreten, erfordern aber eine breite differenzialdiagnostische Beurteilung |
| Neu aufgetretene Verwirrtheit oder Desorientierung | Muss eine notfallmäßige Versorgung und Abklärung nach sich ziehen |
| Fehlen einer zuverlässigen Anamnese | Erhöht die Unsicherheit und den Bedarf an ergänzenden Informationsquellen |
Neu aufgetretene Verwirrtheit darf nicht ohne Weiteres als Depression oder Psychose gedeutet werden. Ein Verlust der Orientierung zu Person, Zeit oder Ort und die Unfähigkeit, die Umwelt realistisch zu deuten, sind ernste Befunde, die sowohl durch körperliche als auch durch psychische Erkrankung oder eine Vergiftung verursacht sein können.
Verlauf und Verlaufskontrolle
Der Verlauf ist durch wiederholte Beurteilung des Patienten zu verfolgen. Die Verlaufskontrolle sollte Veränderungen von Symptomen, Funktionsniveau sowie psychosozialem oder rehabilitationsbezogenem Bedarf umfassen. Patientenwege zwischen verschiedenen Versorgungsbereichen verdienen Aufmerksamkeit, insbesondere bei gleichzeitiger körperlicher Erkrankung, Schwangerschaft oder komplexer psychiatrischer Komorbidität. Koordination und eine klare Verantwortungsverteilung sind dann zentral, damit Veränderungen des Zustands nicht übersehen werden.
Komorbidität und besondere Patientengruppen
Somatische Komorbidität
Depression und somatische Erkrankung sind gemeinsam zu beurteilen. Symptome wie Müdigkeit, Schlafstörung, verminderte Aktivität und Konzentrationsstörungen können Ausdruck der Depression, der somatischen Erkrankung oder ihrer Behandlung sein. Erfassen Sie den zeitlichen Verlauf der Symptome, die Funktionsbeeinträchtigung, Medikationsänderungen und den Zusammenhang mit der Aktivität der somatischen Erkrankung. Berücksichtigen Sie bei der individuellen Anpassung der Versorgung auch Komorbidität, Begleitmedikation, Alter, Gebrechlichkeit, Geschlecht und sozioökonomische Voraussetzungen.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind psychische Erkrankungen mit schlechteren Outcomes verbunden. Ein Screening insbesondere auf Depression, Angst und posttraumatische Belastungsstörung kann daher Teil der kardiovaskulären Versorgung sein. Ein kurzes initiales Screening mit zwei Fragen kann eingesetzt werden, gefolgt von einem längeren validierten Beurteilungsinstrument, wenn die Antworten den Verdacht auf eine psychische Erkrankung wecken.
Das Management sollte einem gestuften Modell folgen, bei dem der Umfang der Maßnahmen an den individuellen Bedarf angepasst wird. Psychologische Interventionen können Depression und Angst lindern sowie die Lebensqualität verbessern, die Evidenz für eine Reduktion schwerer kardiovaskulärer Ereignisse und der Mortalität ist jedoch schwächer oder fehlt. Bei pharmakologischer Behandlung ist der Nutzen gegen Nebenwirkungen und klinisch relevante Arzneimittelinteraktionen abzuwägen.
Bei schwerer psychischer Erkrankung darf die übliche evidenzbasierte kardiovaskuläre Versorgung nicht nachrangig behandelt werden. Arbeiten Sie aktiv an beeinflussbaren Risikofaktoren wie Rauchen, körperlicher Inaktivität, ungesunder Ernährung, Übergewicht, Diabetes, Hypertonie und Dyslipidämie. Optimieren Sie die psychiatrische Pharmakotherapie, indem Sie nach Möglichkeit eine Monotherapie bevorzugen, auf kardiovaskuläre Nebenwirkungen achten und die Adhärenz unterstützen. Die Zusammenarbeit zwischen Psychiatrie, Primärversorgung und Kardiologie ist zentral.
Krebs
Krebs bedeutet eine psychische, soziale und existenzielle Belastung für Patient und Angehörige. Die Reaktion kann anfangs einer Krisenreaktion ähneln, aber auch in anhaltende Angst oder Depression übergehen. Ein psychosoziales Screening sollte eingesetzt werden, um Probleme und Rehabilitationsbedarf frühzeitig zu erkennen, beispielsweise mit dem schwedischen Instrument „Hälsoskattning för cancerrehabilitering“ (Gesundheitseinschätzung für die Krebsrehabilitation).
Depression, Angst, Schmerzen und Fatigue können gleichzeitig die täglichen Aktivitäten einschränken. Fatigue kann ein Depressionssymptom sein, aber auch beispielsweise durch eine Anämie verursacht werden. Prüfen Sie daher eine mögliche somatische Ursache, bevor die Müdigkeit der Depression zugeschrieben wird. Die Maßnahmen müssen gegebenenfalls zwischen Arzt, Psychologe oder Sozialarbeiter, Physiotherapeut, Ergotherapeut, Ernährungsberater und Rehabilitationskoordinator abgestimmt werden.
Kinder und Jugendliche
Bei Kindern und Jugendlichen muss die Depressionsbeurteilung Symptome, Funktionsniveau, Komorbidität und Risikofaktoren wie Impulsivität, selbstverletzendes Verhalten, Schulabsentismus, schulische Schwierigkeiten und ein unzureichendes soziales Netzwerk umfassen. Informationen sollten nach Möglichkeit sowohl vom Kind als auch von den Sorgeberechtigten und anderen zuverlässigen Quellen eingeholt werden.
| Klinische Situation | Priorität |
|---|---|
| Hohes Suizidrisiko, Psychose, Manie oder Stupor | Sofortige Überweisung an die kinder- und jugendpsychiatrische Notaufnahme (BUP-akut) |
| Schwere Depression oder selbstverletzendes Verhalten | So bald wie möglich, Zieldatum innerhalb von 14 Tagen |
| Mittelgradige Depression mit Komorbidität | Beurteilung innerhalb von 30 Tagen |
Ausgeprägte Komorbidität, fehlende zuverlässige Informationsquellen oder Schwierigkeiten von Kind und Eltern bei der Mitwirkung machen die Beurteilung komplexer. Solche Fälle erfordern einen erfahrenen Untersucher, der eine primäre Depression von sekundärer Problematik abgrenzen und die geeignete Versorgungsstufe festlegen kann.
Neurologische Erkrankungen und andere Risikogruppen
Bei der Huntington-Krankheit sind Depression, Angst und exekutive Symptome häufig, während die Differenzialdiagnostik oft schwierig ist. Die Erkrankung geht mit einem erhöhten Suizidrisiko einher. Eine lokale Zusammenarbeit zwischen Neurologie, Primärversorgung und Fachpsychiatrie ist daher entscheidend.
Achten Sie besonders auf das Suizidrisiko bei Patienten mit affektiver Erkrankung, selbstverletzendem Verhalten, Substanzkonsum, hoher Impulsivität, hohem Alter oder schwerer somatischer Erkrankung. Beurteilen Sie aktuellen Stress, Konflikte, Veränderungen in Arbeit oder Schule, soziale Unterstützung, Problemlösefähigkeit, Krankheitseinsicht und Kooperation mit dem Behandlungsteam. Auch Angehörige von Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen können erheblich psychisch belastet sein und Beurteilung und Unterstützung benötigen.
Differenzialdiagnosen
Depressive Symptome sind unspezifisch und können bei anderen psychiatrischen Erkrankungen, somatischen Erkrankungen, Substanzkonsum und normalen Reaktionen auf schweren Verlust auftreten. Die Diagnose einer Major Depression setzt voraus, dass die Symptome nicht besser durch eine andere Erkrankung erklärt werden und keine physiologische Wirkung einer Substanz oder einer somatischen Erkrankung sind. Ein hoher Wert in einem Fragebogen zeigt die Symptombelastung an, sichert aber nicht die Diagnose.
Wichtige Differenzialdiagnosen
| Differenzialdiagnose | Befunde, die für die Alternative sprechen oder eine besondere Beurteilung erfordern |
|---|---|
| Bipolare Depression | Eine depressive Episode kann Teil einer bipolaren Störung sein. Fragen Sie, ob der Patient jemals eine manische oder hypomane Episode hatte. Eine bipolare Störung kann sonst fälschlich als unipolare Depression diagnostiziert werden. |
| Depression infolge einer somatischen Erkrankung | Daran denken, wenn die Symptome zeitlich mit einer somatischen Erkrankung zusammenfallen oder durch deren physiologische Wirkungen erklärt werden können. Müdigkeit, Schlafstörung, Gewichtsverlust und Konzentrationsstörungen sollten nicht automatisch als Depressionssymptome gewertet werden, wenn sie eindeutig auf eine andere somatische Erkrankung zurückgehen. |
| Substanzinduzierte Depression | Erfassen Sie aktuellen und früheren Substanzkonsum sowie den zeitlichen Zusammenhang zwischen Exposition und Symptomen. Somatische Erkrankungen oder Substanzkonsum liegen insgesamt etwa 10–15 % der vermuteten depressiven Zustände zugrunde. |
| Trauerreaktion | Meist dominiert von Leere und Sehnsucht. Die gedrückte Stimmung kommt oft in Wellen, wird durch Erinnerungen an den Verstorbenen ausgelöst und nimmt über Tage bis Wochen an Intensität ab. Das Selbstwertgefühl ist meist erhalten, und positive Gefühle können auftreten. |
| Persistierende depressive Störung | Chronische depressive Symptome über mindestens 2 Jahre, meist weniger ausgeprägt oder weniger zahlreich als bei einer Episode einer Major Depression. Die Funktionsbeeinträchtigung kann dennoch gleich groß oder größer sein. Das Krankheitsbild kann gleichzeitig mit einer episodischen Major Depression auftreten. |
| Psychotische Erkrankung | Eine Episode einer Major Depression darf nicht besser durch eine schizoaffektive Störung erklärt werden und nicht ausschließlich im Rahmen einer Schizophrenie, schizophreniformen Störung, wahnhaften Störung oder anderen psychotischen Erkrankung auftreten. Eine schwere Depression kann sich zugleich zu einem psychotischen Zustand entwickeln. |
| Kognitive Erkrankung | Bei älteren Menschen kann eine Depression ausgeprägte kognitive Schwierigkeiten verursachen, die eine Demenz nachahmen, mitunter als depressive Pseudodemenz bezeichnet. Vermeiden Sie es, eine neu aufgetretene Veränderung des psychischen Zustands einer bereits bekannten kognitiven Erkrankung zuzuschreiben, ohne andere Ursachen wie Infektion oder Arzneimittel zu erwägen. |
| Psychische Reaktion bei chronischem Schmerz oder schwerer somatischer Erkrankung | Schmerzen und körperliche Erkrankung können psychische Belastung sowohl verursachen als auch verstärken. Eine Depression kann zugleich eine eigenständige behandlungsbedürftige Erkrankung sein und darf nicht als selbstverständliche Folge der Erkrankung abgetan werden. |
Trauer oder Major Depression
Ein Verlust schließt eine gleichzeitige Major Depression nicht aus. Die Beurteilung erfordert klinisches Urteilsvermögen unter Berücksichtigung der früheren Funktion des Patienten und der kulturellen Ausdrucksformen von Trauer.
Bei Trauer kreisen die Gedanken vor allem um den Verstorbenen. Todesgedanken betreffen häufiger den Verstorbenen oder den Wunsch, wieder mit ihm vereint zu sein. Bei einer Major Depression ist die gedrückte Stimmung anhaltender und weniger an bestimmte Erinnerungen gebunden. Die Unfähigkeit, Freude zu empfinden oder vorwegzunehmen, selbstkritisches Grübeln, Wertlosigkeitsgefühle und Selbstverachtung sprechen eher für eine Depression. Todesgedanken richten sich dann häufiger darauf, das eigene Leben zu beenden.
Diagnostische Fixierung vermeiden
Prüfen Sie fortlaufend drei Fragen:
- Was könnte es sonst sein?
- Welche Befunde passen nicht zu einer Depression?
- Welche schwerwiegenden Diagnosen dürfen nicht übersehen werden?
Vermeiden Sie es, neue Symptome allein durch eine bekannte chronische Erkrankung, Komorbidität oder einen hohen Skalenwert zu erklären. Dokumentieren Sie diagnostische Unsicherheit und stellen Sie die Verlaufskontrolle von Symptomen, auffälligen Untersuchungsbefunden und veranlassten Überweisungen sicher. Bei hohen Punktwerten in einem Screeninginstrument sollte sich eine klinische Beurteilung und bei Bedarf eine psychiatrische Diagnostik anschließen.
Abklärung und Beurteilung des Suizidrisikos
Klinische Informationsgewinnung
Die Abklärung stützt sich auf das Gespräch mit dem Patienten, die Beobachtung während des Kontakts, den psychopathologischen Befund, frühere Behandlungsunterlagen und, wenn möglich und angemessen, Informationen von Angehörigen. Bei widersprüchlichen Angaben müssen die Unterschiede aktiv geklärt werden. Alle, die mit dem Patienten arbeiten, tragen Informationen bei, die formale Verantwortung für die Suizidrisikobeurteilung und für Entscheidungen über Schutzmaßnahmen liegt jedoch beim approbierten Arzt.
Beurteilen Sie insbesondere:
- aktuelles Symptombild und eine eventuelle Verschlechterung der Grunderkrankung
- emotionale Kontaktfähigkeit, Stimmungslage, Antwortlatenz, psychomotorische Hemmung und Mimik
- psychotische Symptome, Aggressivität und Impulsivität
- Alkohol- oder Drogeneinfluss sowie Entzug
- aktuelle Krisenreaktionen und Veränderungen der Lebenssituation
- Funktionsniveau, soziale Situation und Zugang zu Unterstützung
- frühere und aktuelle Selbstverletzung und Suizidalität.
Eine Suizidrisikobeurteilung soll in der Regel bei jedem ärztlichen Kontakt erfolgen, der eine Beurteilung des psychischen Befindens und Befundes des Patienten einschließt. Das klinische Gesamtbild bestimmt Umfang und Intervall der Neubeurteilung. Wird keine strukturierte Beurteilung durchgeführt, ist der Grund zu dokumentieren, beispielsweise dass eine kürzlich durchgeführte Beurteilung weiterhin als aktuell angesehen wird.
Strukturierte Suizidrisikobeurteilung
Ziel ist nicht, vorherzusagen, wer eine suizidale Handlung begehen wird. Eine solche Vorhersage ist auf individueller Ebene nicht möglich. Die Beurteilung soll vielmehr ein vertieftes Verständnis der Situation des Patienten vermitteln und die Grundlage für konkrete Schutzmaßnahmen bilden.
Erfassen Sie vier Bereiche:
- Unveränderliche Risikofaktoren: frühere Suizidversuche, psychische oder somatische Erkrankung, Trauma, familiäre Belastung mit Suizid und früheres selbstverletzendes Verhalten. Frühere Suizidversuche sind der wichtigste einzelne Risikofaktor für künftige suizidale Handlungen.
- Veränderliche Risikofaktoren: aktuelle Depression, Schlafmangel, psychotische Symptome, Impulsivität, Aggressivität, Substanzkonsum oder Entzug.
- Aktuelle Lebenssituation: Trennung, Kränkung, Mobbing, Misserfolg, Einsamkeit, Marginalisierung oder Suizid und Suizidversuche im sozialen Umfeld des Patienten.
- Ressourcen und Schutz: Problemlösefähigkeit, Fähigkeit, Hilfe zu suchen und anzunehmen, Beziehungen, Sinnzusammenhang, Zugehörigkeit und ein funktionierendes Netzwerk.
Bei Suizidgedanken oder früheren Suizidversuchen ist ein vertieftes Gespräch zu führen. Fragen Sie schrittweise und konkret nach:
- Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit.
- Gedanken an den Tod oder daran, dass das Leben sinnlos ist.
- Dem Wunsch, tot zu sein.
- Gedanken daran, das Leben zu beenden.
- Impulsen oder Situationen, in denen der Patient kurz davor war zu handeln.
- Absicht oder Plan, einschließlich wann, wo und wie.
- Durchgeführter oder abgebrochener suizidaler Handlung, einschließlich Vorbereitungen.
Suizidale Handlungen können ohne zuvor geäußerte Gedanken erfolgen, insbesondere bei Impulsivität. Eine verneinende Antwort ist daher stets zusammen mit dem Befund, der Anamnese und den Angaben von Angehörigen zu bewerten.
C-SSRS, die Suizidleiter (suicidstegen) oder die SIS nach einer suizidalen Handlung können ein strukturiertes Gespräch unterstützen. Die Instrumente können suizidale Handlungen nicht vorhersagen und ersetzen nicht die klinische Beurteilung.
Risikostufe und Handlungsbedarf
Die Risikostufe beschreibt den Bedarf an Schutzmaßnahmen und kann sich rasch ändern, etwa vor der Entlassung.
| Risikostufe | Klinische Bedeutung und Vorgehen |
|---|---|
| Niedriges Risiko | Kein aktueller Bedarf an weiteren suizidpräventiven Maßnahmen. Grunderkrankung weiter verfolgen und bei verändertem Symptombild oder veränderter Lebenssituation neu beurteilen. |
| Erhöhtes Risiko | Engmaschigerer Kontakt, Einbeziehung von Angehörigen, Sicherheitsplan und Entfernung potenziell tödlicher Mittel können erforderlich sein. Eine ambulante Weiterbehandlung ist möglich, wenn Netzwerk und Schutz ausreichen. |
| Hohes Risiko | Bedarf an stationärer psychiatrischer Behandlung nach dem schwedischen Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (HSL). Lehnt der Patient die notwendige Behandlung ab, ist eine Behandlung nach dem schwedischen Gesetz über die psychiatrische Zwangsbehandlung (LPT) zu erwägen. |
Der Sicherheitsplan ist gemeinsam mit dem Patienten zu erstellen und soll konkrete Maßnahmen für den Fall einer Verschlechterung enthalten. Das Suizidrisiko ist fortlaufend und nach ergriffenen Schutzmaßnahmen neu zu bewerten.
Dokumentieren Sie Risikostufe, Beurteilungsgrundlage, identifizierte Risiko- und Schutzfaktoren sowie beschlossene Maßnahmen unmittelbar in der Patientenakte. Frühere Suizidversuche sind deutlich sichtbar zu machen. Die strukturierte Suizidrisikobeurteilung wird in Schweden mit dem KVÅ-Code AU118 erfasst.
Diagnostische Kriterien und Schweregrad
Die Diagnose ist klinisch
Die Diagnose Depression wird durch ein klinisches diagnostisches Interview gestellt, in dem depressive Symptome, zeitlicher Verlauf und Funktionsniveau gemeinsam beurteilt werden. Die Symptome dürfen nicht nur vorübergehend auftreten, sondern müssen über die Zeit fortbestehen oder sich verschlechtern und zu einer klinisch bedeutsamen Beeinträchtigung von sozialer Funktion, Arbeitsfähigkeit, Studium oder alltäglichen Aktivitäten führen.
Die Beurteilung muss klären:
- welche depressiven Symptome vorliegen
- Intensität und Dauer der Symptome
- ob die Symptome fortbestehen oder schwanken
- die Auswirkungen auf Arbeit, Studium, Beziehungen und Selbstversorgung
- ob der Patient früher depressive Episoden hatte
- ob psychotische Symptome vorliegen
- ob die Symptome besser durch eine andere psychiatrische oder somatische Problematik erklärt werden
Bei komplexem Symptombild, ausgeprägter Komorbidität, fehlenden zuverlässigen Informationsquellen oder Schwierigkeiten bei der Durchführung des Interviews werden höhere Anforderungen an die diagnostische Kompetenz gestellt. Die Beurteilung muss dann unter Umständen vertieft und fortgeführt werden, bis eine ausreichende diagnostische Sicherheit erreicht ist, sollte aber nicht umfangreicher sein, als die Fragestellung erfordert.
Beurteilungsskalen stellen keine Diagnose
Selbstbeurteilungsfragebögen können ein erhöhtes Symptomniveau erkennen und zur Verlaufsbeobachtung eingesetzt werden, können aber nicht allein die Diagnose Depression sichern. Ein hoher Wert soll zu einer klinischen Beurteilung und bei Bedarf zu einer Beurteilung durch eine psychiatrisch fachkundige Person führen.
Der WHO-5 kann zur Beurteilung des subjektiven Wohlbefindens verwendet werden. Ein Prozentwert <50 oder ein Rohwert <13 spricht für ein vermindertes psychisches Wohlbefinden und begründet eine weitere Abklärung einer möglichen psychischen Erkrankung, etwa einer Depression. Der Grenzwert ist nicht diagnostisch.
Bei Patienten mit somatischer Erkrankung sind die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren. Bei Herzinsuffizienz beispielsweise können Müdigkeit, Apathie, Antriebsmangel und Schlafstörung sowohl auf die Depression als auch auf die Herzerkrankung zurückgehen. Schwankungen der Symptome der somatischen Erkrankung können zudem Stimmung und Skalenergebnisse beeinflussen.
Beurteilung des Schweregrades
Der Schweregrad wird nicht allein durch die Anzahl der berichteten Symptome bestimmt. Intensität, Ausprägung und Dauer der Symptome sind mit Funktionseinschränkung, psychotischen Symptomen und der Fähigkeit des Patienten, den Alltag zu bewältigen, abzuwägen.
| Schweregrad | Klinische Bedeutung |
|---|---|
| Leicht | Depressive Symptome liegen vor, der Patient behält aber eine relativ gute Funktion in mehreren zentralen Lebensbereichen. |
| Mittelgradig | Deutlichere und anhaltendere Symptome mit mäßiger Funktionseinschränkung. Arbeit, Studium, Beziehungen oder alltägliche Aufgaben sind spürbar beeinträchtigt. |
| Schwer | Ausgeprägte Symptome und erhebliche Funktionseinschränkung. Der Patient kann große Schwierigkeiten haben, in mehreren oder nahezu allen Bereichen zu funktionieren. Das Vorliegen psychotischer Symptome ist gesondert anzugeben. |
Bei Kindern und Jugendlichen kann das Funktionsniveau mit der C-GAS ergänzend erfasst werden. In der lokalen Priorisierungshilfe entspricht C-GAS <50 einer mäßigen Störung des Funktionsniveaus, C-GAS <40 einer deutlich eingeschränkten Funktion und C-GAS <30 der Unfähigkeit, in nahezu allen Bereichen zu funktionieren. Die C-GAS ersetzt nicht das diagnostische Interview.
Episode, Rezidiv und psychotische Symptome
Die Kodierung soll zwischen einer einzelnen depressiven Episode und einer rezidivierenden Depression unterscheiden und den aktuellen Schweregrad angeben.
| Klinische Klassifikation | ICD-10 |
|---|---|
| Mittelgradige depressive Episode | F32.1 |
| Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome | F32.2 |
| Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen | F32.3 |
| Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode | F33.1 |
| Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome | F33.2 |
| Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode mit psychotischen Symptomen | F33.3 |
Psychotische Symptome können beispielsweise in paranoiden oder bizarren Wahnvorstellungen bestehen. Ihr Vorliegen stellt eine klinisch wichtige Präzisierung dar und beeinflusst die Beurteilung von Schweregrad, Versorgungsstufe und Therapiewahl.
Behandlung und Verlaufskontrolle
Behandlungsplan und Versorgungsstufe
Die Behandlung richtet sich nach Schweregrad der Depression, Funktionsbeeinträchtigung, Komorbidität, Suizidrisiko und aktueller sozialer Situation des Patienten. Die Planung muss konkret sein und Folgendes festlegen:
- aktuelle Behandlungsziele
- geplante Maßnahmen und verantwortlicher Leistungserbringer
- Zeitpunkt und Form der Verlaufskontrolle
- wie das Behandlungsergebnis bewertet werden soll
- an wen sich der Patient bei Verschlechterung wenden soll
- wann die Versorgungsstufe neu beurteilt werden soll
Der Patient soll so weit wie möglich aktiv an der Planung beteiligt sein. Bei der Verlaufskontrolle wird ein bestätigendes und explorierendes Gespräch geführt, in dem nach den Erfahrungen des Patienten, seinen Gedanken zur Behandlung und seiner Zufriedenheit mit dem Ergebnis gefragt wird. Beurteilen Sie, ob die Behandlungsziele erreicht sind und ob eine weitere Behandlung, Rehabilitation oder verstärkte Unterstützung erforderlich ist.
Bei stabilem Zustand und funktionierendem sozialem Netzwerk kann die Behandlung im Rahmen einer geplanten ambulanten Versorgung verfolgt werden. Schwere Depression, ausgeprägte Funktionseinschränkung, selbstverletzendes Verhalten, psychotische oder manische Symptome sowie der Bedarf an engmaschiger Verlaufskontrolle sprechen für eine rasche ärztliche Beurteilung und eine Entscheidung über eine fachpsychiatrische Versorgung.
Psychologische Behandlung und Evaluation
Die psychologische Behandlung ist strukturiert zu begleiten, mit wiederholter Beurteilung von Symptomen, Funktion und dem Erleben von Veränderung durch den Patienten. Beurteilungsskalen ergänzen die klinische Beurteilung, und die Ergebnisse sind fortlaufend zu dokumentieren, damit Veränderungen über die Zeit verfolgt werden können.
In der Psychoseversorgung ist die psychologische Behandlung mit dem CORE-OM und, wenn psychotische Symptome behandelt werden, mit der PSYRATS zu evaluieren. Die Erhebung erfolgt:
- zu Beginn der Behandlung
- alle drei Monate oder häufiger
- bei Behandlungsabschluss
- nach Möglichkeit 3–6 Monate nach Behandlungsende
Der CORE-OM wird als Gesamtpunktwert angegeben, alternativ als Gesamtpunktwert ohne den Risikoteil. Bei Depression von Patienten mit Schizophrenie kann die Calgary Depression Scale for Schizophrenia, CDSS, als ergänzendes Instrument eingesetzt werden. Die Wahl des Instruments soll dem Zustand des Patienten und den Behandlungszielen entsprechen.
Klinische Verlaufskontrolle
Jede Verlaufskontrolle sollte umfassen:
- aktuelle depressive Symptome und Veränderung seit dem letzten Kontakt
- Funktionsniveau im Alltag, im Beruf oder im Studium
- selbstverletzendes Verhalten und aktuelles Suizidrisiko
- Adhärenz zur vereinbarten Behandlung
- die eigene Einschätzung des Patienten zu Besserung, unverändertem Zustand oder Verschlechterung
- Bedarf an geänderter Behandlung, anderer Versorgungsstufe oder Rehabilitationsmaßnahmen
- Bedarf an Unterstützung durch Angehörige oder andere Versorgungsbereiche
Vergleichen Sie nach Möglichkeit aktuelle Skalenwerte mit den Werten vor Behandlungsbeginn. Dokumentieren Sie Therapieansprechen, fortbestehende Probleme und den weiteren Plan. Zeigt die Behandlung nicht die beabsichtigte Wirkung, sind Behandlungsziele, Diagnose, Komorbidität und Versorgungsstufe zu überprüfen.
Verschlechterung und suizidnahe Zustände
Hohes Suizidrisiko, Psychose, Manie oder Stupor erfordern eine sofortige notfallpsychiatrische Beurteilung. Bei Kindern und Jugendlichen hat die Überweisung an die kinder- und jugendpsychiatrische Notaufnahme (BUP-akut) unverzüglich zu erfolgen. Eine schwere Depression bei Kindern und Jugendlichen sollte so bald wie möglich beurteilt werden, mit einem Zieldatum innerhalb von 14 Tagen, während eine mittelgradige Depression mit Komorbidität innerhalb von 30 Tagen beurteilt werden sollte.
Nach einem Suizidversuch werden viele Patienten von der somatischen stationären Versorgung in die fachpsychiatrische stationäre Versorgung übernommen. Ist das Suizidrisiko nicht akut, soll einem erwachsenen Patienten eine Verlaufskontrolle innerhalb einer Woche angeboten werden. Ein Patient mit bestehender fachpsychiatrischer ambulanter Behandlung soll einen Wiedervorstellungstermin in seiner regulären Ambulanz erhalten, und der Termin sollte vor der Entlassung gebucht sein. Bei eindeutigem Bedarf an fachpsychiatrischer Nachsorge nach stationärer Behandlung ist der Übergang zu planen und die ambulante Verlaufskontrolle innerhalb von 7 Tagen sicherzustellen.