Klinischer Hintergrund
Die Säuglingsdyschezie ist eine funktionelle gastrointestinale Störung, die sich bei einem ansonsten gesunden Säugling als anhaltendes Pressen und Weinen bei der Defäkation äußert. Der Zustand beruht wahrscheinlich darauf, dass der Säugling noch nicht gelernt hat, einen erhöhten intraabdominalen Druck mit der Relaxation der Beckenbodenmuskulatur zu koordinieren [4]. Die Beschwerden sind selbstlimitierend und klingen ab, sobald die Koordination etabliert ist, in der Regel innerhalb der ersten Lebensmonate.
Das klinische Problem, das das Instrument löst, besteht nicht darin, Kranke von Gesunden zu unterscheiden, sondern eine benigne, erwartbare Entwicklungsphase von einer funktionellen Obstipation, einer Kolik oder einer anderen organischen Erkrankung abzugrenzen, die Abklärung oder Behandlung erfordert. Ohne standardisierte Kriterien besteht ein deutliches Risiko der Überdiagnostik: In einer indonesischen Studie klassifizierten 28,5 Prozent der befragten Kinderärztinnen und Kinderärzte die Säuglingsdyschezie fälschlich als Obstipation, Kolik, Kuhmilchallergie oder Morbus Hirschsprung [2]. Die Rome-IV-Kriterien liefern eine symptombasierte Diagnose, die bei korrekter Stellung dazu führt, dass auf Diagnostik und Behandlung verzichtet wird und stattdessen die Eltern über die Gutartigkeit des Zustands informiert werden.
Berechnung der Rome-IV-Kriterien für die Säuglingsdyschezie
Die Rome-IV-Kriterien für die Säuglingsdyschezie stellen eine binäre Diagnose dar und keine Punkteskala. Die Diagnose wird gestellt, wenn alle drei Bedingungen erfüllt sind:
Die drei Variablen sind:
- Säugling jünger als 9 Monate: Die Altersgrenze wurde von Rome III (dort lag sie bei 6 Monaten) auf Rome IV erweitert. In einer multizentrischen Studie von Chogle et al. führte die Erweiterung dazu, dass zusätzliche 13 Prozent der Säuglinge die Kriterien erfüllten [2].
- Mindestens 10 Minuten Pressen und Weinen vor erfolgreicher oder erfolgloser Entleerung von weichem Stuhl: Die Forderung nach weichem Stuhl ist entscheidend. Sie schließt die funktionelle Obstipation aus, bei der der Stuhl hart oder selten ist. Das Pressen kann sowohl einer erfolgreichen als auch einer erfolglosen Entleerung vorausgehen, das heißt, der Säugling kann länger als zehn Minuten pressen und weinen, ohne dass Stuhl abgeht.
- Keine anderen Gesundheitsprobleme: Der Säugling muss im Übrigen gesund sein, ohne Symptome, die auf eine organische Erkrankung hindeuten.
Die Kriterien wurden 2016 von der Rome Foundation als Expertenkonsens veröffentlicht und nicht als aus einer bestimmten Kohorte abgeleitetes Modell [1]. Sie lösten die Rome-III-Kriterien ab und beruhten auf der gesamten wissenschaftlichen Evidenz, die im vorangegangenen Jahrzehnt zu Epidemiologie, Physiologie und klinischer Erfahrung mit funktionellen gastrointestinalen Störungen bei Säuglingen und Kleinkindern hinzugekommen war.
Interpretation in der Praxis
Da die Kriterien eine binäre Diagnose ergeben, gibt es keine Risikokategorien zu interpretieren. Die Handlungsanleitung ist daher ebenfalls binär:
| Diagnose gestellt | Klinisches Vorgehen |
|---|---|
| Ja, alle drei Kriterien erfüllt | Elterninformation über die Gutartigkeit und den selbstlimitierenden Verlauf des Zustands. Keine Diagnostik, keine medikamentöse Behandlung. Verlaufskontrolle bei Bedarf. |
| Nein, Kriterien nicht erfüllt | Andere Diagnosen erwägen. Harter oder seltener Stuhl spricht für eine funktionelle Obstipation. Andere Symptome (zum Beispiel Erbrechen, schlechte Gewichtszunahme, Blut im Stuhl) rechtfertigen eine weitere Abklärung. |
In der indonesischen Studie gaben 79,7 Prozent der Kinderärztinnen und Kinderärzte an, bei Säuglingsdyschezie keine Diagnostik durchzuführen, und 58,5 Prozent beschränkten sich auf die Information der Eltern [2]. Dies entspricht den Empfehlungen. Eine Minderheit (28,5 Prozent) verordnete jedoch Pro- oder Präbiotika, was weder durch die Kriterien noch durch die Evidenz gestützt wird.
Validierung und Leistungsfähigkeit
Die Rome-IV-Kriterien für die Säuglingsdyschezie sind konsensbasiert und nicht aus einem Prädiktionsmodell abgeleitet. Der Begriff der Diskrimination (c-Statistik) ist daher im herkömmlichen Sinn nicht anwendbar. Die Kriterien wurden jedoch indirekt durch Prävalenzstudien sowie durch Übersetzung und Reliabilitätsprüfung des diagnostischen Fragebogens validiert.
Prävalenz in verschiedenen Populationen. Eine europäische systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von 2025, das neun Studien mit insgesamt 5.611 Säuglingen einschloss, berichtete eine gepoolte Prävalenz der Säuglingsdyschezie von 6,9 Prozent (95-Prozent-KI 3,1 bis 11,9) [4]. Die Prävalenz nahm mit dem Alter ab: 16,5 Prozent im Alter von 1 Monat, 7,4 Prozent mit 3 Monaten und 5,0 Prozent mit 6 Monaten. In einer indonesischen Querschnittstudie mit 312 Säuglingen unter 9 Monaten in Kindervorsorgezentren in Jakarta lag die Prävalenz bei 11,8 Prozent, mit der höchsten Prävalenz (17,8 Prozent) in der Altersgruppe von 7 bis 9 Monaten [2]. Niedrigere Prävalenzen wurden aus Vietnam (0,9 Prozent) und Malaysia (1,3 Prozent) berichtet. Die Unterschiede lassen sich teilweise durch eine unterschiedliche elterliche Wahrnehmung von Pressen und Weinen sowie durch die Methodik der Stichprobenauswahl erklären.
Reliabilität des diagnostischen Fragebogens. Eine thailändische Studie von 2025 übersetzte und validierte den Rome-IV-Fragebogen für Säuglinge und Kleinkinder [3]. Der Fragebogen wurde 58 Betreuungspersonen zu zwei Zeitpunkten im Abstand von 4 bis 15 Tagen vorgelegt. Die interne Konsistenz (Cronbachs Alpha) lag für die drei Abschnitte des Fragebogens bei 0,712 bis 0,753, und die Test-Retest-Reliabilität (Intraklassenkorrelationskoeffizient) lag bei 0,782 bis 0,807, was als gute Reliabilität eingestuft wird. Dies ist die erste veröffentlichte Reliabilitätsbewertung einer übersetzten Version des Fragebogens für diese Altersgruppe in irgendeiner Sprache.
Zusammenhang mit späterer funktioneller Obstipation. Zwei Studien in der europäischen Metaanalyse fanden keinen Zusammenhang zwischen Säuglingsdyschezie und der späteren Entwicklung einer funktionellen Obstipation [4]. Dies stützt die Auffassung, dass der Zustand eine Entwicklungsphase und kein Prodromalstadium der Obstipation ist.
Einschränkungen
Die Kriterien gelten nur für im Übrigen gesunde Säuglinge unter 9 Monaten. Folgende Situationen werden nicht abgedeckt:
- Harter Stuhl oder seltene Darmentleerungen: Dies ist eine funktionelle Obstipation und keine Dyschezie und erfordert ein anderes Vorgehen. Die Verwechslung ist der häufigste diagnostische Fehler. In der indonesischen Studie klassifizierten Kinderärztinnen und Kinderärzte die Säuglingsdyschezie in 28,5 Prozent der Fälle fälschlich als Obstipation, Kolik, Kuhmilchallergie oder Morbus Hirschsprung [2].
- Andere Symptome: Erbrechen, schlechte Gewichtszunahme, Blut im Stuhl, Fieber oder Beeinträchtigung des Allgemeinzustands schließen die Diagnose aus und rechtfertigen eine Abklärung auf eine organische Erkrankung.
- Säuglinge ab 9 Monaten: Die Kriterien sind für ältere Kinder nicht validiert. Pressen und Weinen bei der Defäkation bei Kindern über 9 Monaten sollten dazu führen, andere Diagnosen zu erwägen.
- Frühgeborene: Die Evidenz ist widersprüchlich. Die europäische Metaanalyse fand keinen Zusammenhang zwischen Frühgeburtlichkeit und Dyschezie, während Studien aus Asien und Südamerika regionale Unterschiede berichtet haben [4].
Eine methodische Schwäche besteht darin, dass die Kriterien auf einem Expertenkonsens beruhen und nicht auf einem abgeleiteten Modell mit quantifizierter Leistungsfähigkeit. Der Schwellenwert von zehn Minuten ist nicht gegen einen Goldstandard-Endpunkt validiert, und die elterliche Einschätzung der Dauer des Pressens unterliegt subjektiven Schwankungen. Die Prävalenzunterschiede zwischen den Ländern (0,9 bis 17,8 Prozent) spiegeln wahrscheinlich sowohl tatsächliche Unterschiede als auch Messvariation wider.
Quellen
- Benninga MA et al. Childhood Functional Gastrointestinal Disorders: Neonate/Toddler. Gastroenterology 2016. PMID: 27144631
- Kadim M et al. Prevalence, Risk Factors, and Pediatrician Awareness of Infant Dyschezia in Indonesia. Pediatr Gastroenterol Hepatol Nutr 2023. PMID: 36950058
- Chatpermporn K et al. Validity and reliability of the Thai "Rome IV diagnostic questionnaires" for functional gastrointestinal disorders in neonates and toddlers. World J Clin Cases 2025. PMID: 40821406
- Bloem MN et al. Prevalence of functional defecation disorders in European children: A systematic review and meta-analysis. J Pediatr Gastroenterol Nutr 2025. PMID: 39775925