Klinische Grundlagen
Rumpfkontrolle ist eine Voraussetzung für Sitzen, Transfers, Gehen und die Funktion der oberen Extremität nach einem Schlaganfall, und die Beeinträchtigungen werden oft übersehen, wenn sich die Aufmerksamkeit auf die Paresen von Armen und Beinen richtet. Die Trunk Impairment Scale (TIS) füllt eine Lücke, indem sie die statische und dynamische Sitzbalance sowie die Rumpfkoordination in einer einzigen strukturierten Beurteilung quantifiziert. Ohne ein validiertes Instrument gerät die Beurteilung leicht zu einem globalen, nicht standardisierten klinischen Gesamteindruck, und Veränderungen im Verlauf lassen sich nicht so messen, dass sie einer wissenschaftlichen Prüfung standhalten.
Berechnung der Trunk Impairment Scale (TIS)
Die Skala besteht aus drei Subskalen, die jeweils im Sitzen durchgeführt und nach Verheyden gemäß dem Originalprotokoll des Untersuchers bewertet werden [1]:
- Subskala statische Sitzbalance (0 bis 7 Punkte): Beurteilt die Fähigkeit, in Ruhe eine sitzende Position zu halten, einschließlich des Überschlagens des nicht betroffenen Beins über das hemiparetische Bein. Drei Teilaufgaben.
- Subskala dynamische Sitzbalance (0 bis 10 Punkte): Beurteilt die Fähigkeit, aus dem Sitzen heraus Bewegungen auszuführen, einschließlich des Führens des Ellenbogens zur Unterlage auf der jeweiligen Seite und des Anhebens des Beckens von der Unterlage. Zehn Teilaufgaben.
- Subskala Koordination (0 bis 6 Punkte): Beurteilt Symmetrie und Flüssigkeit der Bewegung bei wiederholter Rumpfrotation. Vier Teilaufgaben.
Die Gesamtpunktzahl reicht von 0 bis 23, wobei eine höhere Punktzahl eine bessere Rumpffunktion anzeigt. Jede Teilaufgabe erlaubt bis zu drei Versuche, und der beste Versuch wird bewertet [1].
Die Entwicklungskohorte bestand aus 28 Patienten in einer Rehabilitationseinrichtung nach Schlaganfall [1]. Zwei Physiotherapeuten beobachteten jeden Patienten gleichzeitig, bewerteten aber unabhängig voneinander, und jeder Patient wurde von einem von ihnen erneut beurteilt. Die Skala wurde entwickelt, um die motorische Beeinträchtigung des Rumpfes zu quantifizieren und die Wahl der Behandlungsmaßnahmen zu leiten.
Interpretation in der Praxis
Die Skala liefert keinen einzelnen Schwellenwert, der Patienten in Behandlungsgruppen einteilt, aber die Literatur bietet zwei konkret nutzbare Referenzpunkte:
- 12 Punkte als Prädiktor für Gehunabhängigkeit. In einer Kohorte von 102 Patienten mit akutem Schlaganfall war die TIS bei Aufnahme ein unabhängiger Prädiktor für die Gehunabhängigkeit bei Entlassung, mit einem Cut-off bei 12 Punkten (Sensitivität 81,4 Prozent, Spezifität 79,7 Prozent) [2]. Patienten unterhalb dieses Schwellenwerts hatten ein hohes Risiko, bei Entlassung kein selbstständiges Gehen zu erreichen.
- Minimale klinisch relevante Veränderung von 2,5 Punkten. Bei 32 Patienten mit subakutem Schlaganfall und Bedarf an Gehassistenz wurde die minimal important change (MIC) auf 2,5 Punkte geschätzt (95-%-Konfidenzintervall 0,5 bis 4,0), mit der Berg Balance Scale als externem Anker [3]. Eine Veränderung von mindestens 3 Punkten kann somit als klinisch erkennbare Verbesserung interpretiert werden.
In der Praxis entsprechen niedrige Gesamtpunktzahlen (< 5) einer ausgeprägten Rumpfparese mit Unfähigkeit, ohne Unterstützung zu sitzen, was ein intensives frühes Rumpftraining und Maßnahmen zur Sturzprävention begründet. Mittlere Punktzahlen (5 bis 12) weisen auf eine partielle Rumpfkontrolle hin, die das Sitzen ermöglicht, aber dynamische Transfers und das Stehen einschränkt. Punktzahlen über 12 entsprechen in der Regel einer ausreichenden Rumpfkontrolle, um die Gehunabhängigkeit zu unterstützen [2].
Die Subskalen können separat verwendet werden, um spezifischen Behandlungsbedarf zu identifizieren: Eine statische Beeinträchtigung weist auf ein Training der Haltungskontrolle hin, eine dynamische Beeinträchtigung auf Reich- und Transferübungen und eine Koordinationsstörung auf Rotationstraining.
Validierung und Leistungsfähigkeit
In der Entwicklungskohorte war die Reliabilität des Gesamtscores zwischen den Untersuchern sehr gut (ICC 0,96 für Test-Retest, ICC 0,99 für Interrater), mit 95-%-Übereinstimmungsgrenzen von -1,84 bis 1,84 für den Messfehler zwischen den Untersuchern [1]. Die interne Konsistenz (Cronbach-Alpha) variierte zwischen den Subskalen von 0,65 bis 0,89. Konkurrente Validität bestand gegenüber dem Barthel-Index (Spearman r = 0,86) und dem Trunk Control Test (r = 0,83) [1].
Eine chinesische Validierung an 170 Patienten mit subakutem Schlaganfall bestätigte die Übertragbarkeit auf eine andere Population und einen anderen Sprachkontext [4]. Der Interrater-ICC für den Gesamtscore betrug 0,96 und der Test-Retest-ICC 0,97. Cronbach-Alpha betrug 0,86. Die Korrelation mit der Berg Balance Scale war stark (rs = 0,81), ebenso die mit dem Modified Barthel Index (rs = 0,84). Die Known-groups-Validität wurde durch signifikante Unterschiede zwischen leichtem und mittelschwerem Schlaganfall bestätigt [4].
Eine polnische Validierung an 80 Patienten in der subakuten und chronischen Phase ergab interne Konsistenzen von Alpha 0,85 bis 0,91, ICC 0,94 bis 1,0 sowohl für Test-Retest als auch für Interrater und eine Konstruktvalidität von rho 0,71 bis 0,76 gegenüber dem Fugl-Meyer Assessment [5].
Der jüngste systematische Review nach der COSMIN-Methodik identifizierte 13 Studien aus sieben Ländern mit 28 bis 201 Teilnehmenden [6]. Das gepoolte Cronbach-Alpha betrug 0,88 und der gepoolte ICC 0,98, die Sicherheit der Evidenz wurde jedoch für die meisten Messeigenschaften wegen methodischer Mängel der Primärstudien als „sehr niedrig“ eingestuft: fehlende Prüfung der Eindimensionalität, unzureichende Hypothesenformulierung und mangelhafte Berichterstattung. Für die interne Konsistenz war die Sicherheit „niedrig“ [6].
Hinsichtlich der prädiktiven Validität fanden Ishiwatari et al., dass die TIS bei Aufnahme innerhalb von 48 Stunden nach Schlaganfallbeginn den FIM-Gehscore bei Entlassung mit einem adjustierten R² = 0,672 erklärte; die AUC für die Vorhersage der Gehunabhängigkeit betrug 0,911 [2].
Einschränkungen
Die Entwicklungskohorte war mit 28 Patienten klein und wurde auf einer einzelnen Rehabilitationsstation in Belgien rekrutiert [1]. Das begrenzt die Generalisierbarkeit und erklärt teilweise, warum der COSMIN-Review eine so niedrige Sicherheit der Evidenz feststellte [6]. Keine der verfügbaren Validierungen hat eine Rasch-Analyse durchgeführt, die bestätigen könnte, dass die Skala ein eindimensionales Konstrukt misst, und die strukturelle Validität ist daher nicht sicher belegt.
Die TIS ist primär für Schlaganfallpatienten validiert, die mit oder ohne Kissen sitzen können und über ausreichende Kognition verfügen, um Anweisungen zu folgen. Patienten mit ausgeprägter kognitiver Beeinträchtigung, schwerer Aphasie oder NIHSS über 16 wurden in den Validierungsstudien ausgeschlossen [4], und die Skala ist für diese Gruppe nicht psychometrisch getestet.
Ein konkreter Fehler ist die Verwechslung der TIS mit dem Trunk Control Test (TCT). Der TCT ist einfacher und misst nur vier grundlegende Bewegungen im Bett, zeigt aber bereits bei Aufnahme bei Patienten mit Gehassistenz Boden- und Deckeneffekte, während die TIS in derselben Population responsiver ist und keinen Deckeneffekt aufweist [3]. Der TCT kann die TIS daher nicht ersetzen, wenn Veränderungen im Zeitverlauf gemessen werden sollen.
Die Skala misst nur den motorischen Aspekt der Rumpffunktion und erfasst weder Sensibilitätsstörungen, vestibuläre Beteiligung noch Neglect, die alle zu Gleichgewichtsproblemen nach einem Schlaganfall beitragen können. Ein niedriger Wert kann das funktionelle Problem daher unterschätzen, wenn diese Faktoren ausgeprägt sind.
Quellen
- Verheyden G, Nieuwboer A, Mertin J, Preger R, Kiekens C, De Weerdt W. The Trunk Impairment Scale: a new tool to measure motor impairment of the trunk after stroke. Clin Rehabil. 2004;18(3):326-334. PMID: 15137564
- Ishiwatari M, Tani M, Isayama R, et al. Prediction of gait independence using the Trunk Impairment Scale in patients with acute stroke. Ther Adv Neurol Disord. 2022;15. PMID: 36506941
- Yamamoto N, Igarashi T, Sato R, et al. Estimating the Responsiveness and Minimal Important Change of the Trunk Impairment Scale in Inpatients With Subacute Stroke Requiring Dependent Ambulation. Cureus. 2025;17(4). PMID: 40385754
- Zhao J, Chau JPC, Zang Y, et al. Psychometric properties of the Chinese version of the Trunk Impairment Scale in people with a stroke. Health Qual Life Outcomes. 2021;19:85. PMID: 33691738
- Małecka J, Goliwąs M, Adamczewska K, et al. Translation, reliability, and validity of the trunk impairment scale in a Polish population after stroke. J Rehabil Med. 2026;58. PMID: 41804270
- Eguchi M, Jimbo K, Nomoto M, et al. The psychometric properties of the Trunk Impairment Scale used after stroke: a systematic review using COSMIN methodology. Phys Ther. 2026;106(8). PMID: 42391468