Definition und Zweck
Die kardiovaskuläre Risikobeurteilung schätzt die Wahrscheinlichkeit einer Person, innerhalb eines definierten Zeitraums eine kardiovaskuläre Erkrankung (CVD) zu entwickeln. SCORE2 und SCORE2-Older Persons (SCORE2-OP) sind europäische Risikomodelle zur Schätzung des 10-Jahres-Risikos für tödliche und nicht tödliche kardiovaskuläre Ereignisse, insbesondere Myokardinfarkt und Schlaganfall.
Sie ersetzen Risikomodelle, die ausschließlich die kardiovaskuläre Mortalität schätzen, da nicht tödliche Ereignisse einen wichtigen Anteil an der Gesamtbelastung durch die atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung ausmachen. SCORE2 ist vor allem für Erwachsene im Alter von 40–69 Jahren vorgesehen, während SCORE2-OP bei Erwachsenen im Alter von ≥70 Jahren eingesetzt wird. SCORE2-OP berücksichtigt das konkurrierende Risiko eines Todes aus nicht kardiovaskulären Ursachen, was bei älteren Menschen von besonderer Bedeutung ist.
Die Risikoprognose ist insbesondere bei Erwachsenen mit erhöhtem Blutdruck (BP) relevant, bei denen das absolute kardiovaskuläre Risiko je nach Alter und Vorliegen zusätzlicher Risikofaktoren erheblich variiert. Patienten mit bestätigter Hypertonie benötigen dagegen im Allgemeinen eine blutdrucksenkende Behandlung, ohne dass für diese Therapieentscheidung eine zusätzliche Risikostratifizierung erforderlich ist.
Population, für die SCORE2 und SCORE2-OP gelten
SCORE2 und SCORE2-OP sind für scheinbar gesunde Personen oder für Personen mit erhöhtem BP vorgesehen, bei denen nicht bereits eine Erkrankung vorliegt, die mit einem ausreichend hohen kardiovaskulären Risiko einhergeht.
Sie sollten bei Personen mit folgenden Merkmalen nicht als primäres Risikoinstrument eingesetzt werden:
Dokumentierte atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung (ASCVD)
Diabetes mellitus, sofern eine diabetes-spezifische Risikobeurteilung oder Risikokategorisierung anwendbar ist
Moderate oder schwere chronische Nierenerkrankung (CKD)
Hypertoniebedingte Organschädigung (HMOD)
Wahrscheinliche oder gesicherte familiäre Hypercholesterinämie
Andere einzelne, deutlich ausgeprägte Risikofaktoren oder genetische, seltene Fettstoffwechsel- oder Blutdruckstörungen
Schwangerschaft
Eine etablierte ASCVD umfasst ein vorausgegangenes akutes Koronarsyndrom, chronische Koronarsyndrome, koronare Revaskularisation, Schlaganfall, transitorische ischämische Attacke und periphere arterielle Erkrankung. Auch die Herzinsuffizienz gilt im risikobasierten Ansatz bei erhöhtem BP als etablierte klinische kardiovaskuläre Erkrankung.
Risikokategorien
Bei scheinbar gesunden Personen können die SCORE2- und SCORE2-OP-Schätzungen zur Einteilung des 10-Jahres-Risikos wie folgt verwendet werden:
| Risikokategorie | 10-Jahres-Risiko für tödliche oder nicht tödliche CVD |
|---|---|
| Niedrig | <2% |
| Moderat | ≥2% bis <10% |
| Hoch | ≥10% bis <20% |
| Sehr hoch | ≥20% |
Die Risikokategorien sind vom für die Blutdruckleitlinien verwendeten Therapieschwellenwert zu unterscheiden. Bei Erwachsenen mit erhöhtem BP gilt ein berechnetes 10-Jahres-Risiko von ≥10% als ausreichend hoch, um eine blutdrucksenkende Behandlung zu unterstützen, sei es durch Lebensstilintervention, Pharmakotherapie oder beides.
Eine Person kann auch ohne berechnete SCORE2- oder SCORE2-OP-Schätzung als kardiovaskulär risikobelastet gelten, wenn bestimmte klinische Erkrankungen vorliegen. Hierzu gehören Diabetes mellitus, familiäre Hypercholesterinämie, eine etablierte kardiovaskuläre Erkrankung, eine moderate oder schwere CKD oder eine HMOD.
In SCORE2 und SCORE2-OP berücksichtigte Variablen
Die Modelle umfassen konventionelle kardiovaskuläre Risikofaktoren:
Alter
Geschlecht
Raucherstatus
Systolischer BP
Cholesterinwerte
Für die Risikoschätzung wird die geeignete geschlechts- und raucherspezifische Tabelle oder der entsprechende Rechner verwendet. Anschließend werden die relevanten BP- und Nicht-HDL-Cholesterinwerte (non-HDL-C) in die Tabelle oder Anwendung eingegeben. Die Schätzwerte sollten nach oben angepasst werden, wenn sich die Person der nächsten Alterskategorie nähert.
Die Modelle sind entsprechend den nationalen CVD-Mortalitätsraten auf vier europäische Länder-Risikocluster kalibriert:
Niedriges Risiko
Moderates Risiko
Hohes Risiko
Sehr hohes Risiko
Die korrekte Auswahl des Länder-Risikoclusters ist daher entscheidend. Die Cluster umfassen verschiedene europäische Länder und angrenzende Staaten; die zutreffende regionale Kategorie sollte vor der Interpretation des berechneten Risikos festgelegt werden.
SCORE2 bei Erwachsenen im Alter von 40–69 Jahren
SCORE2 wird für Erwachsene im Alter von 40–69 Jahren mit erhöhtem BP empfohlen, bei denen nicht bereits aufgrund einer etablierten kardiovaskulären Erkrankung, einer moderaten oder schweren CKD, einer HMOD, eines Diabetes mellitus oder einer familiären Hypercholesterinämie ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko besteht.
Das Modell schätzt das 10-Jahres-Risiko für tödliche und nicht tödliche kardiovaskuläre Ereignisse bei Personen, deren Risikofaktoren unbehandelt sind oder über mehrere Jahre stabil geblieben sind. Die Schätzung soll Entscheidungen zur Prävention und insbesondere zur blutdrucksenkenden Behandlung bei Personen mit erhöhtem BP unterstützen.
SCORE2-OP bei Erwachsenen im Alter von ≥70 Jahren
SCORE2-OP wird für Erwachsene im Alter von ≥70 Jahren mit erhöhtem BP empfohlen, bei denen keine etablierte Erkrankung vorliegt, die bereits mit einem erhöhten Risiko einhergeht.
Ältere Menschen benötigen ein spezifisches Modell, da sich die Beziehung zwischen konventionellen Risikofaktoren und dem kardiovaskulären Risiko mit zunehmendem Alter verändert, während die Wahrscheinlichkeit eines nicht kardiovaskulären Todes steigt. Ein Modell, das die konkurrierende Mortalität nicht berücksichtigt, kann die Wahrscheinlichkeit eines kardiovaskulären Ereignisses und damit den potenziellen Nutzen einer Präventionsbehandlung überschätzen.
SCORE2-OP liefert Schätzungen für tödliche und nicht tödliche kardiovaskuläre Ereignisse und ist für die konkurrierende nicht kardiovaskuläre Mortalität adjustiert. Es kann sowohl das 5-Jahres- als auch das 10-Jahres-Risiko schätzen.
SCORE2-Diabetes
Indikation
SCORE2-Diabetes sollte bei Patienten im Alter von ≥40 Jahren mit Typ-2-Diabetes mellitus (T2DM) erwogen werden, bei denen keine symptomatische ASCVD oder schwere Zielorganschädigung (TOD) vorliegt. Das Modell ist insbesondere bei der Beurteilung von Patienten mit T2DM und erhöhtem BP relevant, die jünger als 60 Jahre sind, da bei einigen dieser Personen das 10-Jahres-CVD-Risiko unter 10% liegt.
Bei allen Patienten mit Diabetes sollten zunächst eine ASCVD und eine schwere TOD ausgeschlossen beziehungsweise erfasst werden. Liegt eine dieser Erkrankungen vor, ist die Risikoschätzung mit SCORE2-Diabetes nicht die Grundlage für die Entscheidung, ob bei der betroffenen Person ein erhöhtes Risiko besteht.
Variablen
SCORE2-Diabetes erweitert die SCORE2-Methodik durch die Einbeziehung diabetesbezogener Variablen zusätzlich zu den konventionellen Risikofaktoren. Hierzu gehören:
Alter bei Diagnosestellung des Diabetes
Glykosyliertes Hämoglobin (HbA1c)
Geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR)
Alter
Raucherstatus
Systolischer BP
Gesamtcholesterin
HDL-Cholesterin
Das Modell schätzt das 10-Jahres-Risiko für tödliche und nicht tödliche kardiovaskuläre Ereignisse, einschließlich Myokardinfarkt und Schlaganfall, und ist auf dieselben vier europäischen Ländercluster des CVD-Risikos kalibriert wie SCORE2 und SCORE2-OP.
Schwere Zielorganschädigung
Eine schwere TOD ist durch mindestens eines der folgenden Kriterien definiert:
eGFR <45 mL/min/1.73 m2, unabhängig von der Albuminurie
eGFR 45–59 mL/min/1.73 m2 mit Mikroalbuminurie, definiert als Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin (UACR) von 30–300 mg/g
Proteinurie, definiert als UACR >300 mg/g
Mikrovaskuläre Erkrankung an drei oder mehr Lokalisationen, beispielsweise Mikroalbuminurie zusammen mit Retinopathie und Neuropathie
Die durch SCORE2-Diabetes ermittelten Risikoschwellen sollten die individualisierte Entscheidungsfindung unterstützen und nicht ersetzen. Andere Patientenmerkmale können unabhängig vom berechneten Schwellenwert eine Behandlung rechtfertigen.
Beurteilung von Personen mit erhöhtem BP
Definition der relevanten BP-Gruppe
Der risikobasierte Ansatz gilt insbesondere für Personen mit erhöhtem Praxis-BP, der im Ausgangsmaterial definiert ist als:
Systolischer BP 120–139 mmHg oder
Diastolischer BP 70–89 mmHg
Bei diesen Personen wird das kardiovaskuläre Risiko durch Kombination des gemessenen BP mit dem geeigneten Risikomodell und gegebenenfalls nicht traditionellen Risikomodifikatoren beurteilt.
Patienten mit bestätigter Hypertonie sollten eine blutdrucksenkende Behandlung erhalten; für die Einleitung dieser Behandlung ist keine weitere Risikostratifizierung erforderlich.
Erkrankungen, die auch ohne SCORE2-Berechnung auf ein erhöhtes Risiko hinweisen
Bei einer Person mit erhöhtem BP weisen folgende Erkrankungen unabhängig auf ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko hin:
Diabetes mellitus
Familiäre Hypercholesterinämie
Etablierte kardiovaskuläre Erkrankung
Moderate oder schwere CKD
HMOD
Eine etablierte kardiovaskuläre Erkrankung umfasst eine koronare Erkrankung, eine zerebrovaskuläre Erkrankung, eine periphere arterielle Erkrankung und eine Herzinsuffizienz.
Risikoschwellenwert für das Blutdruckmanagement
Bei Erwachsenen mit erhöhtem BP und ohne unabhängig bestehende Hochrisikokonstellation sollte je nach Alter SCORE2 oder SCORE2-OP verwendet werden. Ein vorhergesagtes 10-Jahres-CVD-Risiko von ≥10% kennzeichnet unabhängig vom Alter ein ausreichend hohes Risiko für Entscheidungen zur blutdrucksenkenden Behandlung.
Dieser Schwellenwert kann zu einer Behandlung mit Lebensstilmaßnahmen, einer medikamentösen Therapie oder beidem führen. Auswahl und Intensität der Behandlung sollten individualisiert werden.
Präzisierung des Risikos über SCORE2 und SCORE2-OP hinaus
Nicht traditionelle Risikomodifikatoren
SCORE2 und SCORE2-OP berücksichtigen traditionelle Risikofaktoren, jedoch nicht alle nicht traditionellen Risikodeterminanten. Bei Personen mit grenzwertig erhöhtem berechnetem Risiko können diese zusätzlichen Faktoren die Risikodiskriminierung verbessern und eine Reklassifizierung in eine höhere Risikokategorie rechtfertigen.
Risikomodifikatoren sind besonders relevant, wenn das berechnete 10-Jahres-Risiko ≥5%, aber <10% beträgt und die Entscheidung über den Beginn einer blutdrucksenkenden Behandlung unklar ist.
Zusätzliche Untersuchungen
Nach Berücksichtigung relevanter Risikomodifikatoren können weitere Untersuchungen sinnvoll sein, wenn die Therapieentscheidung weiterhin unklar bleibt. Das Ausgangsmaterial nennt folgende Möglichkeiten:
Koronarkalzium-Score (CAC-Score)
Beurteilung von Karotisplaques
Beurteilung femoraler Plaques
Hochsensitives kardiales Troponin
B-Typ-natriuretisches Peptid
Messung der arteriellen Steifigkeit
Zufällig bei einer früheren Thorax-CT erhobene CAC-Befunde können ebenfalls zur Verbesserung der Risikostratifizierung und zur Steuerung des Managements modifizierbarer Risikofaktoren verwendet werden. Eine CAC-Bestimmung kann erwogen werden, wenn das Risiko nahe an einem Therapieschwellenwert liegt. Eine Karotis-Sonografie kann als Alternative eingesetzt werden, wenn eine CAC-Bestimmung nicht verfügbar oder nicht praktikabel ist.
Eine Karotis- oder Femursonografie sollte nur erwogen werden, wenn das Ergebnis voraussichtlich das Management verändert. Ebenso kann die Messung der Pulswellengeschwindigkeit erwogen werden, wenn die Beurteilung der arteriellen Steifigkeit voraussichtlich Therapieentscheidungen beeinflusst.
Vor der Risikoberechnung erforderliche klinische Beurteilung
Die Risikoberechnung ersetzt nicht die klinische Beurteilung. Die Untersuchung sollte Folgendes erfassen:
Alter und Geschlecht
Raucherstatus
Systolischer BP
Gesamtcholesterin und HDL-Cholesterin
Vorliegen einer etablierten kardiovaskulären Erkrankung
Diabetesstatus und gegebenenfalls Diabetesdauer
Nierenfunktion
Albuminurie bei Verdacht auf diabetesbedingte Zielorganschädigung
Vorliegen einer HMOD
Familiäre Hypercholesterinämie
Andere deutlich erhöhte Risikofaktoren
Außerdem sollte festgestellt werden, ob die Person einer Gruppe angehört, für die SCORE2 oder SCORE2-OP nicht vorgesehen ist.
Blutdruckmessung und Bestätigung
Obwohl die SCORE2-basierte Risikobeurteilung anhand von BP-Werten erfolgt, sollte die Diagnose einer Hypertonie separat gestellt werden.
Bei einem Screening-Praxis-BP von 140–159/90–99 mmHg sollte die Hypertonie vorzugsweise durch eine außerhalb der Praxis durchgeführte Messung mittels ambulanter Blutdruckmessung (ABPM) und/oder häuslicher Blutdruckmessung (HBPM) bestätigt werden. Wenn diese Verfahren nicht durchführbar sind, können wiederholte Praxismessungen bei mehr als einem Termin verwendet werden.
Bei einem Praxis-BP von 160–179/100–109 mmHg sollte die Bestätigung zeitnah erfolgen, vorzugsweise durch häusliche oder ambulante Messungen. Bei einem BP ≥180/110 mmHg muss eine hypertensive Notfallsituation ausgeschlossen werden.
Bei jedem Praxisbesuch sollten drei BP-Messungen in Abständen von 1–2 Minuten dokumentiert werden. Unterscheiden sich die ersten beiden Messungen um >10 mmHg, sind zusätzliche Messungen erforderlich; verwendet wird der Mittelwert der letzten beiden Messungen.
Kardiovaskuläre Risikobeurteilung in ausgewählten klinischen Situationen
Diabetes
Bei allen Patienten mit Diabetes sollten eine ASCVD und eine schwere TOD erfasst werden. Bei T2DM ohne symptomatische ASCVD oder schwere TOD sollte ab einem Alter von 40 Jahren SCORE2-Diabetes berechnet werden.
Bei Patienten unter 40 Jahren sollten ASCVD-Risikofaktoren individuell beurteilt werden, anstatt sich auf SCORE2-Diabetes zu stützen.
Das Lebensstilmanagement ist ein integraler Bestandteil der Risikoreduktion. Die Raucherentwöhnung ist bei Patienten mit kardiovaskulärer Erkrankung und Diabetes ein primäres Ziel. Körperliche Aktivität sollte gefördert werden, wobei gilt, dass jede Steigerung der Aktivität wertvoll ist. Bei Menschen mit Adipositas und T2DM werden eine Gewichtsreduktion in Kombination mit gesteigerter täglicher körperlicher Aktivität und strukturiertem Training hervorgehoben. Eine mit Olivenöl und/oder Nüssen ergänzte mediterrane Ernährung reduziert schwere kardiovaskuläre Ereignisse bei Patienten mit kardiovaskulärer Erkrankung.
Brustkrebs und endokrine Therapie
Bei Brustkrebspatientinnen, die eine endokrine Therapie erhalten und keine vorbestehende kardiovaskuläre Erkrankung aufweisen, wird eine kardiovaskuläre Basisrisikobeurteilung mit SCORE2 oder SCORE2-OP empfohlen.
Während der endokrinen Therapie:
Bei Patienten mit hohem 10-Jahres-Risiko gemäß SCORE2 oder SCORE2-OP wird eine jährliche kardiovaskuläre Risikobeurteilung empfohlen.
Bei Patienten mit niedrigem oder moderatem 10-Jahres-Risiko sollte eine erneute Beurteilung alle fünf Jahre erwogen werden.
Strahlentherapie unter Einbeziehung des Herzens
Im entsprechenden klinischen Kontext werden eine kardiovaskuläre Basisrisikobeurteilung und die Schätzung des 10-Jahres-Risikos für tödliche und nicht tödliche kardiovaskuläre Ereignisse mit SCORE2 oder SCORE2-OP empfohlen. Bei Patienten mit vorausgegangener kardiovaskulärer Erkrankung sollte vor einer Strahlentherapie, deren Bestrahlungsvolumen das Herz einschließt, eine Echokardiografie zu Beginn erwogen werden.
Anlassbezogenes Screening
Ein anlassbezogenes Screening gesunder Personen auf kardiovaskuläre Risikofaktoren und das zukünftige kardiovaskuläre Risiko mithilfe von Bewertungssystemen wie SCORE2 und SCORE2-OP wird empfohlen. Ziel ist es, Personen mit erhöhtem Risiko zu identifizieren und Therapieentscheidungen zu unterstützen.
Konsequenzen der Risikobeurteilung für das Management
Lebensstilintervention
Die Lebensstilintervention bildet die Grundlage der kardiovaskulären Risikoreduktion. Zu den Empfehlungen gehören:
Aerobes Training mittlerer Intensität für mindestens 150 Minuten pro Woche, verteilt auf mindestens 30 Minuten an 5–7 Tagen pro Woche; alternativ 75 Minuten intensives Training pro Woche an drei Tagen
Ergänzendes dynamisches oder isometrisches Krafttraining niedriger oder mittlerer Intensität zwei- bis dreimal wöchentlich
Aufrechterhaltung eines stabilen, gesunden Body-Mass-Index von 20–25 kg/m2
Taillenumfang unter 94 cm bei Männern und unter 80 cm bei Frauen
Eine gesunde, ausgewogene Ernährung, beispielsweise nach mediterranem Muster oder als DASH-Ernährung
Alkoholkonsum unter etwa 100 g reinem Alkohol pro Woche; für optimale gesundheitliche Ergebnisse wird Abstinenz bevorzugt
Raucherentwöhnung
Pharmakologische Blutdrucksenkung
Die Risikoschätzung hilft bei der Entscheidung, ob bei Personen mit erhöhtem BP zusätzlich zur Lebensstilintervention eine medikamentöse Blutdrucksenkung eingeleitet werden sollte. Die wesentlichen Wirkstoffklassen der ersten Wahl sind:
Angiotensin-konvertierendes Enzym (ACE)-Hemmer
Angiotensinrezeptorblocker (ARB)
Dihydropyridin-Calciumkanalblocker
Thiazid- oder thiazidartige Diuretika, einschließlich Chlortalidon und Indapamid
Für diese Klassen sind Senkungen des BP und der kardiovaskulären Ereignisrate nachgewiesen; sie bilden die Grundlage der empfohlenen blutdrucksenkenden Strategien.
Für Betablocker sind ebenfalls eine Senkung des BP und kardiovaskulärer Ereignisse nachgewiesen, sie gehören jedoch in der überarbeiteten Empfehlung nicht zu den wesentlichen Wirkstoffklassen der ersten Wahl. Sie bleiben bei spezifischer Indikation relevant und können bei resistenter Hypertonie ergänzt werden, sofern sie nicht bereits aufgrund einer anderen Indikation erforderlich sind.
Therapieziele
Bei den meisten Erwachsenen unter blutdrucksenkender Therapie sollte ein systolischer BP von 120–129 mmHg angestrebt werden, sofern dies toleriert wird. Liegt der systolische BP bei oder unter diesem Zielwert, während der diastolische BP ≥80 mmHg bleibt, kann eine Intensivierung zur Erreichung eines diastolischen BP von 70–79 mmHg erwogen werden.
Liberalere Zielwerte können bei Patienten mit folgenden Merkmalen angemessen sein:
Symptomatische orthostatische Hypotonie vor Behandlungsbeginn
Alter ≥85 Jahre
Klinisch relevante moderate oder schwere Gebrechlichkeit
Begrenzte vorhergesagte Lebenserwartung, im Ausgangsmaterial definiert als <3 Jahre
In diesen Situationen kann je nach klinischen Umständen ein Zielwert wie ein systolischer BP <140 mmHg oder ein BP <140/90 mmHg erwogen werden.
Resistente Hypertonie
Wenn der BP trotz einer Kombination aus drei Arzneimitteln unkontrolliert bleibt, sollte die Zugabe von Spironolacton erwogen werden. Wenn Spironolacton unwirksam oder nicht verträglich ist, gehören zu den Alternativen:
Eplerenon
Ein Betablocker, sofern nicht bereits indiziert
Ein zentral wirksames blutdrucksenkendes Arzneimittel
Ein Alphablocker
Hydralazin
Ein kaliumsparendes Diuretikum
Eine katheterbasierte renale Denervation kann bei ausgewählten Patienten in Zentren mit mittlerem bis hohem Eingriffsvolumen erwogen werden. Als Kandidaten kommen Patienten mit resistenter Hypertonie infrage, die trotz drei blutdrucksenkender Arzneimittel, einschließlich eines Thiazid- oder thiazidartigen Diuretikums, unkontrolliert bleibt, sofern sie den Eingriff nach gemeinsamer Erörterung von Nutzen und Risiken sowie multidisziplinärer Beurteilung bevorzugen. Sie kann unter ähnlichen Bedingungen auch bei Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko und unkontrollierter Hypertonie trotz weniger als drei Arzneimitteln erwogen werden.
Die renale Denervation wird nicht als Behandlung der ersten Wahl empfohlen. Sie wird auch bei Patienten mit einer eGFR <40 mL/min/1.73 m2 oder mit sekundärer Hypertonie bis zum Vorliegen weiterer Evidenz nicht empfohlen.
Leitlinienempfehlungen
Die wichtigsten Empfehlungen sind im Folgenden zusammengefasst.
| Klinische Situation | Empfehlung | Klasse | Evidenzgrad |
|---|---|---|---|
| Erhöhter BP ohne etablierte Hochrisikokonstellation, Alter 40–69 Jahre | SCORE2 zur Schätzung des 10-Jahres-Risikos für tödliche und nicht tödliche CVD verwenden | I | B |
| Erhöhter BP ohne etablierte Hochrisikokonstellation, Alter ≥70 Jahre | SCORE2-OP zur Schätzung des 10-Jahres-Risikos für tödliche und nicht tödliche CVD verwenden | I | B |
| Erhöhter BP mit einem SCORE2- oder SCORE2-OP-Risiko ≥10% | Die Person für Therapieentscheidungen zur Blutdrucksenkung als risikobelastet einstufen | I | B |
| Erhöhter BP bei Diabetes, familiärer Hypercholesterinämie, etablierter kardiovaskulärer Erkrankung, moderater/schwerer CKD oder HMOD | Einen risikobasierten Managementansatz verfolgen; diese Erkrankungen gehen mit einem erhöhten CVD-Risiko einher | I | B |
| T2DM mit erhöhtem BP, insbesondere Alter <60 Jahre | SCORE2-Diabetes zur Risikoschätzung erwägen | IIa | B |
| T2DM im Alter von ≥40 Jahren ohne symptomatische ASCVD oder schwere TOD | 10-Jahres-Risiko mithilfe von SCORE2-Diabetes schätzen | Empfohlen | Im Ausgangsmaterial nicht angegeben |
| Grenzwertiges SCORE2-/SCORE2-OP-Risiko von 5% bis <10% | Nicht traditionelle Risikomodifikatoren zur Präzisierung des Risikos erwägen | Im Leitlinienansatz unterstützt | Nicht angegeben |
| Anhaltend unklare Entscheidung nahe einem Therapieschwellenwert | CAC, Karotis- oder Femurplaques, hochsensitives kardiales Troponin, BNP oder eine Beurteilung der arteriellen Steifigkeit erwägen | Individualisiert | Nicht angegeben |
| Gesunde Bevölkerung | Anlassbezogenes Screening und Risikoschätzung mit Instrumenten wie SCORE2 und SCORE2-OP | I | C |
| Vorausgegangene kardiovaskuläre Erkrankung vor einer Strahlentherapie unter Einbeziehung des Herzens | Echokardiografie zu Beginn erwägen | IIa | C |
| Brustkrebs unter endokriner Therapie ohne vorbestehende kardiovaskuläre Erkrankung | Kardiovaskuläre Basisrisikobeurteilung mit SCORE2/SCORE2-OP durchführen | I | C |
| Brustkrebs unter endokriner Therapie mit hohem 10-Jahres-Risiko | Kardiovaskuläre Risikobeurteilung jährlich wiederholen | I | C |
| Brustkrebs unter endokriner Therapie mit niedrigem oder moderatem Risiko | Eine erneute Beurteilung alle fünf Jahre erwägen | IIa | C |
Kommunikation und gemeinsame Entscheidungsfindung
Risikoschätzungen sollten dazu dienen, ein Gespräch über die Intensität der Behandlung und zusätzliche Präventionsmaßnahmen zu unterstützen, und nicht als automatische Therapieanweisung verstanden werden. Dies ist besonders wichtig, wenn das berechnete Risiko nahe an einem Therapieschwellenwert liegt, Risikomodifikatoren vorliegen oder Komorbidität, Gebrechlichkeit, Lebenserwartung oder Verträglichkeit der Behandlung das Verhältnis von Nutzen und Schaden beeinflussen können.
Bei Patienten mit T2DM dienen die Schwellenwerte von SCORE2-Diabetes als Orientierungshilfe. Individuelle Merkmale können auch dann eine Behandlung unterstützen, wenn das berechnete Risiko unter einem vorgeschlagenen Schwellenwert liegt, oder trotz eines numerischen Schätzwerts gegen eine Intensivierung der Therapie sprechen.
Prognose und Nachsorge
SCORE2 und SCORE2-OP liefern Schätzungen des 10-Jahres-Risikos und keine definitive individuelle Prognose. Ihr klinischer Nutzen liegt in der Verbesserung der Risikoklassifizierung und der Unterstützung präventiver Therapieentscheidungen.
Die Häufigkeit der Nachsorge hängt von der klinischen Situation und dem Ausgangsrisiko ab:
Während einer endokrinen Therapie bei Brustkrebs wird bei Patienten mit hohem 10-Jahres-Risiko eine jährliche erneute Beurteilung empfohlen.
Bei Brustkrebspatienten mit niedrigem oder moderatem Risiko sollte eine Beurteilung alle fünf Jahre erwogen werden.
Bei anderen Patienten sollte die erneute Beurteilung Änderungen des BP, des Raucherstatus, der Lipidwerte, des Diabetes, der Nierenfunktion, der HMOD und anderer klinischer Erkrankungen berücksichtigen.
Das Risiko sollte neu berechnet werden, wenn sich wichtige Risikofaktoren verändern oder eine neue Erkrankung auftritt, die die Risikokategorie der Person verändert. Das Ausgangsmaterial legt kein einheitliches Intervall für die erneute Beurteilung in der Allgemeinbevölkerung oder bei allen Patienten mit erhöhtem BP fest.