Epidemiologie des Herzstillstands

Zahlen zu Häufigkeit und Überleben sind die Grundlage für die Bewertung von Reanimationssystemen und für die Planung von Verbesserungsmaßnahmen. Die Angaben unterscheiden sich zwischen Registern und Ländern erheblich, weil Einschlusskriterien, Definitionen und Rettungsdienststrukturen variieren. Dieses Kapitel fasst die wichtigsten epidemiologischen Daten zusammen. Zur Einordnung der Versorgungskette siehe Die Überlebenskette beim plötzlichen Herzstillstand, zu den Begriffen Terminologie des plötzlichen Herzstillstands und der Reanimation.

Datenquellen zur Überwachung von Herzstillstand und Reanimation

Mehrere große Register erfassen Reanimationsmaßnahmen, einige zusätzlich den plötzlichen Herzstillstand selbst. Das EuReCa-Register umfasst Reanimationsdaten aus 28 europäischen Ländern, die Daten der Get With The Guidelines Resuscitation Investigators stammen aus den USA. In Deutschland werden Daten im Deutschen Reanimationsregister der DGAI erfasst. Die unterschiedlichen Einschlusskriterien erklären die erheblichen Unterschiede bei Merkmalen und Ergebnissen des außerklinischen Herzstillstands (OHCA) und des innerklinischen Herzstillstands (IHCA) zwischen den Datenquellen.

Alter und Geschlecht

Das mediane Alter beim OHCA beträgt 70 Jahre in Schweden, 66 Jahre in Europa (EuReCa) und 65 Jahre in den USA. In Schweden wurden zwischen 1990 und 2021 keine Trends hinsichtlich Alter oder Geschlecht beobachtet (Rawshani et al). Etwa zwei Drittel der Betroffenen sind männlich.

Inzidenz des Herzstillstands

Region / Quelle Inzidenz
Weltweit, OHCA 20 bis 140 Fälle pro 100.000 Einwohner (Ahern et al)
USA, OHCA (alle Altersgruppen) mehr als 500.000 Fälle pro Jahr (Heart Disease and Stroke Statistics); 92 pro 100.000 Einwohner laut CARES-Register (Bagai et al)
Europa, OHCA mit begonnener Reanimation etwa 49 bis 56 Fälle pro 100.000 Einwohner und Jahr (EuReCa ONE und TWO, Gräsner et al)
USA, IHCA etwa 292.000 Fälle pro Jahr, 9,7 pro 1.000 Krankenhausaufnahmen (Holmberg et al)
Dänemark, IHCA 1,8 pro 1.000 Krankenhausaufnahmen (DANARREST; Andersen et al)
Großbritannien, IHCA 1,6 pro 1.000 Krankenhausaufnahmen (NCAA; Nolan et al)

Die Unterschiede zwischen den Ländern erklären sich zum Teil durch abweichende Definitionen, Einschlusskriterien und Erfassungsmethoden und sind daher nur eingeschränkt vergleichbar.

Überleben nach Herzstillstand

Überleben beim OHCA

Yan et al fassten in einem systematischen Review mit Metaanalyse 141 Studien zum Überleben nach OHCA mit begonnener Reanimation zusammen. Die gepoolten Schätzwerte waren:

Endpunkt Wahrscheinlichkeit (95%-KI)
Rückkehr des Spontankreislaufs (ROSC) 29,7% (27,6 bis 31,7%)
Überleben bis zur Krankenhausaufnahme 22,0% (20,7 bis 23,4%)
30-Tage-Überleben 10,7% (9,1 bis 13,3%)
Überleben bis zur Krankenhausentlassung 8,8% (8,2 bis 9,4%)
1-Jahres-Überleben 7,7% (5,8 bis 9,5%)

Überleben beim IHCA

  • In Schweden stieg das Überleben beim IHCA von 25% im Jahr 2006 auf 35% im Jahr 2021 (Jerkeman et al).
  • In den USA (GWTG-R) lag das Überleben im Jahr 2017 bei 25%.

Ort und Zeugen

  • Etwa 60% aller außerklinischen Herzstillstände werden beobachtet, was für das Überleben grundlegend ist.
  • Etwa 50% der außerklinischen Herzstillstände erhalten eine Laienreanimation, die die Überlebenswahrscheinlichkeit verdoppelt (Nakahara et al, Hasselqvist-Ax et al). Die Quote variiert zwischen Ländern und Regionen stark, und Maßnahmen wie Telefonreanimation, Schulungen und App-basierte Ersthelfersysteme (Ringh et al) können sie erhöhen.
  • Etwa 70% aller Herzstillstände ereignen sich im häuslichen Umfeld. Diese Fälle haben ein deutlich schlechteres Überleben als Herzstillstände an öffentlichen Orten, an denen Personen Reanimationsmaßnahmen durchführen, den Rettungsdienst alarmieren und einen öffentlich zugänglichen Defibrillator (AED) einsetzen können.

Überleben in Abhängigkeit vom Initialrhythmus

Der Initialrhythmus (im ersten aufgezeichneten EKG) ist ein sehr starker Prädiktor für das Überleben. Ein Herzstillstand mit Kammerflimmern (VF) oder pulsloser ventrikulärer Tachykardie (VT) kann defibrilliert werden, wodurch ein organisierter Rhythmus und damit eine mechanische Herzaktion wiederhergestellt werden können. Diese Rhythmen werden als defibrillierbare Rhythmen bezeichnet.

Initialrhythmus Überleben OHCA Überleben IHCA
VF oder pulslose VT 30% 50 bis 60%
Pulslose elektrische Aktivität (PEA) 5% 10%
Asystolie 1% 5%

Initialrhythmus und Hilfsfrist

Vermutlich beginnt die Mehrzahl aller Herzstillstände mit VF oder VT, die ohne effektive Reanimation innerhalb von Minuten allmählich in PEA und Asystolie übergehen. Im Jahr 1990 dauerte es im Mittel 5 Minuten, bis der Rettungswagen bei einem außerklinischen Herzstillstand eintraf, heute sind es in den Registerdaten aus Schweden etwa 11 Minuten. Das erklärt, warum der Anteil mit defibrillierbarem Erstrhythmus zwischen 1990 und 2020 deutlich abgenommen hat. Je nach Register und Land weisen heute etwa 17 bis 25% der außerklinischen Herzstillstände einen defibrillierbaren Erstrhythmus auf, 1990 waren es 40 bis 50%. Eine weitere Erklärung für den Rückgang ist, dass die Inzidenz des akuten Myokardinfarkts in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen hat (Rosengren und Wallentin).

Die Hilfsfrist (Zeit vom Notruf bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes) ist in Deutschland landesrechtlich geregelt und wird regional unterschiedlich häufig eingehalten. Sie ist ein wichtiger Stellhebel, da jede Minute Verzögerung bis zur Defibrillation die Überlebenswahrscheinlichkeit senkt. Die Laienreanimation und der Einsatz öffentlich zugänglicher AED überbrücken das Intervall bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes.

Herzstillstand bei sportlicher Belastung

Herzstillstände während Sport und körperlicher Aktivität betreffen eher jüngere Personen. Der Anteil beobachteter Herzstillstände ist bei ihnen naturgemäß höher, die Betroffenen sind meist gesünder, und die Prognose ist besser als beim OHCA insgesamt. Die häufigsten Sportarten sind Joggen und Radfahren. Die hypertrophe Kardiomyopathie (HCM) ist die häufigste Ursache des Herzstillstands bei Sportlern (30% der Fälle). Daneben finden sich Koronaranomalien (20%), Myokarditis (7%), ARVC (5%), koronare Herzkrankheit (5%) und Commotio cordis (3%).

Praxisbezug

  • Registerdaten sind nur vergleichbar, wenn Einschlusskriterien und Endpunkte (z. B. Überleben bis zur Entlassung oder 30-Tage-Überleben) übereinstimmen.
  • Der Initialrhythmus hängt stark von der Zeit bis zur ersten EKG-Ableitung ab. Ein hoher Anteil defibrillierbarer Rhythmen deutet auf kurze Hilfsfristen und eine hohe Quote an Laienreanimation und Frühdefibrillation hin.
  • Laienreanimation und frühe Defibrillation sind die Faktoren mit dem größten Einfluss auf das Überleben beim OHCA, siehe Die Überlebenskette beim plötzlichen Herzstillstand.

Literatur

Benjamin EJ, Muntner P, Alonso A, et al. Heart disease and stroke statistics: 2019 update: a report from the American Heart Association. Circulation 2019.

Gräsner JT, Lefering R, Koster RW, et al. EuReCa ONE-27 Nations, ONE Europe, ONE Registry: A prospective one month analysis of out-of-hospital cardiac arrest outcomes in 27 countries in Europe. Resuscitation 2016.

Gräsner JT, Wnent J, Herlitz J, et al. Survival after out-of-hospital cardiac arrest in Europe: Results of the EuReCa TWO study. Resuscitation 2020.

Hasselqvist-Ax I, Riva G, Herlitz J, et al. Early cardiopulmonary resuscitation in out-of-hospital cardiac arrest. N Engl J Med 2015.

Nakahara S, Tomio J, Ichikawa M, et al. Association of bystander interventions with neurologically intact survival among patients with bystander-witnessed out-of-hospital cardiac arrest in Japan. JAMA 2015.

Ringh M, Rosenqvist M, Hollenberg J, et al. Mobile-phone dispatch of laypersons for CPR in out-of-hospital cardiac arrest. N Engl J Med 2015.

Rajan S, Folke F, Hansen SM, et al. Incidence and survival outcome according to heart rhythm during resuscitation attempt in out-of-hospital cardiac arrest patients with presumed cardiac etiology. Resuscitation 2017.

Buick JE, Drennan IR, Scales DC, et al. Improving temporal trends in survival and neurological outcomes after out-of-hospital cardiac arrest. Circ Cardiovasc Qual Outcomes 2018.

Rawshani A, Herlitz J. Svenska Hjärt-Lungräddningsregistrets Årsrapport 2021.

Rosengren A, Wallentin L. Cardiovascular Medicine in Sweden: Improvement by Continuous Measuring. Circulation 2020.

Ahern RM, Lozano R, Naghavi M, Foreman K, Gakidou E, Murray CJ. Improving the public health utility of global cardiovascular mortality data: the rise of ischemic heart disease. Popul Health Metr 2011;9:8.

Bagai A, McNally BF, Al-Khatib SM, et al. Temporal differences in out-of-hospital cardiac arrest incidence and survival. Circulation 2013;128(24):2595-2602.

Holmberg MJ, Ross CE, Fitzmaurice GM, et al. Annual Incidence of Adult and Pediatric In-Hospital Cardiac Arrest in the United States. Circ Cardiovasc Qual Outcomes 2019;12(7):e005580. doi: 10.1161/CIRCOUTCOMES.119.005580

Andersen LW, Holmberg MJ, Løfgren B, et al. Adult in-hospital cardiac arrest in Denmark. Resuscitation 2019. PMID: 31075290

Nolan JP, Soar J, Smith GB, et al. Incidence and outcome of in-hospital cardiac arrest in the United Kingdom National Cardiac Arrest Audit. Resuscitation 2014. PMID: 24746785

Aktualisiert 17. Oktober 2026