Akutübersicht
Die Plasmaglukose ist bei allen Patienten mit Bewusstseinsminderung, Krampfanfällen, Verwirrtheit, Verhaltensänderung, Synkope oder akutem neurologischem Ausfall sofort zu messen. Eine Hypoglykämie kann eine Hemiparese, eine Aphasie und radiologische Veränderungen verursachen, die einem ischämischen Schlaganfall gleichen. Die Glukosemessung gehört daher immer zur initialen Schlaganfallbeurteilung [1].
Bei Symptomen und niedriger Glukose sofort behandeln. Nicht auf den venösen Laborwert warten.
- Atemweg, Atmung und Kreislauf beurteilen und stabilisieren.
- Kapilläre oder venöse Glukose messen.
- Schnell resorbierbare Kohlenhydrate oral geben, wenn der Patient sicher schlucken kann.
- Intravenös Glukose geben, wenn der Patient bewusstseinsgemindert ist, Krampfanfälle hat oder nicht schlucken kann.
- Fehlt ein intravenöser Zugang, Glucagon geben und gleichzeitig einen Zugang legen.
- Die Glukose nach 10 bis 15 Minuten erneut messen und die Behandlung wiederholen, bis sich der Patient erholt hat.
- Mit einer Mahlzeit oder einer der Ursache angepassten weiteren Glukosezufuhr nachsorgen.
- Arzneimittel, Niereninsuffizienz, Alkohol, ausgelassene Mahlzeit, körperliche Aktivität und andere auslösende Faktoren identifizieren.
Grenzwerte
Die nachstehenden Grenzwerte werden vor allem bei Diabetes verwendet. Der Schweregrad der Symptome und der Hilfebedarf des Patienten sind wichtiger als ein einzelner Messwert [2].
| Stufe | Plasmaglukose | Bedeutung |
|---|---|---|
| Stufe 1, Warnstufe | <3,9 mmol/l, aber mindestens 3,0 mmol/l | Ein rasches Eingreifen ist nötig, um einen weiteren Abfall zu verhindern |
| Stufe 2, klinisch signifikant | <3,0 mmol/l | Bedrohlich niedrige Glukose, sofortige Behandlung erforderlich |
| Stufe 3, schwere Hypoglykämie | Kein fester Grenzwert | Der Patient ist kognitiv oder körperlich beeinträchtigt und benötigt die Hilfe einer anderen Person |
Stufe 3 kann auch vorliegen, wenn die Glukose zum Zeitpunkt der Messung bereits wieder ansteigt, beispielsweise nachdem Angehörige Kohlenhydrate oder Glucagon gegeben haben.
Bei einer Person ohne Diabetes wird ein hypoglykämischer Zustand in erster Linie über die Whipple-Trias definiert:
- Symptome oder Zeichen, die mit einer Hypoglykämie vereinbar sind.
- Eine dokumentiert niedrige Plasmaglukose während der Symptome.
- Ein Rückgang der Symptome, wenn sich die Glukose normalisiert [3].
Eine gesunde Person ohne Diabetes muss daher normalerweise nicht allein wegen eines isolierten, asymptomatisch niedrigen Sensorwerts abgeklärt werden.
Symptome
Autonome Symptome
Frühe Warnsymptome beruhen auf der Sympathikusaktivierung:
- Schwitzen
- Zittrigkeit
- Herzklopfen
- Hunger
- Angst
- Blässe
- Parästhesien
Neuroglykopene Symptome
Eine unzureichende Glukosezufuhr zum Gehirn kann verursachen:
- Konzentrationsstörungen
- Reizbarkeit oder abweichendes Verhalten
- verwaschene Sprache
- Sehstörungen
- Verwirrtheit
- Fokalneurologie
- Somnolenz oder Bewusstlosigkeit
- Krampfanfälle
- Koma
Die Symptomschwelle variiert. Bei lang bestehender Hyperglykämie kann der Patient bereits bei normaler Glukose hypoglykämieähnliche Symptome verspüren. Bei häufigen Hypoglykämien können die Warnsymptome dagegen ausbleiben, bis die Glukose sehr niedrig ist [4].
Messung und Messfehler
Die kapilläre Glukose reicht aus, um die Akutbehandlung einzuleiten, abweichende oder unerwartete Werte sollten aber mit einer laborchemisch bestimmten Plasmaglukose bestätigt werden, sobald es die Situation erlaubt.
Blutzuckermessgeräte sind im hypoglykämischen Bereich weniger zuverlässig. Eine schlechte periphere Durchblutung, kalte Finger, Präanalytikfehler und Kontamination können falsche Werte ergeben. Stimmt der Messwert nicht mit der Klinik überein, die Probe wiederholen und eine venöse Plasmaglukose einsenden, die Behandlung eines neurologisch beeinträchtigten Patienten aber nicht verzögern.
Die kontinuierliche Glukosemessung bildet die interstitielle Glukose ab und läuft der Blutglukose bei raschen Veränderungen zeitlich hinterher. Druck auf den Sensor, etwa im Schlaf, kann falsch niedrige Werte erzeugen. Bei Symptomen oder unerwartetem Sensorwert ist die Glukose daher kapillär oder venös zu kontrollieren [5].
Behandlung
Wacher Patient, der sicher schlucken kann
15 bis 20 g schnell resorbierbare Kohlenhydrate oral geben. Geeignete Optionen sind:
- Glukosetabletten oder Traubenzucker mit angegebener Kohlenhydratmenge
- Glukoselösung
- Saft oder ein mit Zucker gesüßtes Getränk
Die Glukose nach etwa 15 Minuten erneut messen. Weitere 15 bis 20 g geben, wenn die Glukose weiterhin unter 3,9 mmol/l liegt oder deutliche Symptome fortbestehen. Orale Glukose ist die Erstlinienbehandlung beim wachen und kooperationsfähigen Patienten [6].
Schokolade, Gebäck und andere fettreiche Lebensmittel sind als Erstbehandlung ungeeignet, da Fett die Kohlenhydrataufnahme verzögert. Sie können jedoch später Teil einer Mahlzeit sein.
Einem Patienten, der somnolent ist, Krampfanfälle hat, erbricht oder den Atemweg nicht schützen kann, dürfen weder Speisen noch Getränke gegeben werden.
Bewusstseinsgeminderter Patient oder Patient, der nicht schlucken kann
- Den Atemweg sichern und bei Bedarf Sauerstoff geben.
- Den Patienten in die stabile Seitenlage bringen, sofern angemessen.
- Einen intravenösen oder intraossären Zugang legen.
- Intravenös Glukose gemäß lokalem Notfallmedikationsprotokoll geben.
- Glukose und neurologischen Status nach 10 bis 15 Minuten kontrollieren.
- Die Glukosegabe bei Bedarf wiederholen.
- Eine Glukoseinfusion beginnen, wenn die Ursache lange wirkt oder die Glukose erneut abfällt.
Verschiedene Einrichtungen verwenden unterschiedliche Glukosekonzentrationen. Für Volumen, Konzentration und Infusionsgeschwindigkeit daher dem hausinternen Standard folgen. Ziel ist es, die Neuroglykopenie zu beheben und die Glukose danach stabil zu halten, nicht eine ausgeprägte Hyperglykämie zu erzeugen.
Bei größerer oder länger dauernder Glukosezufuhr das Kalium verfolgen. Die Kombination aus Insulinüberschuss und Glukosetherapie kann das Plasmakalium senken [7].
Kein intravenöser Zugang
Glucagon intramuskulär, subkutan oder intranasal gemäß Fachinformation und hausinternem Standard geben. Gleichzeitig einen intravenösen Zugang legen, wenn der Patient schwer beeinträchtigt ist.
Glucagon ist eine vorübergehende Rettungsmaßnahme. Die Wirkung setzt verfügbares Leberglykogen voraus und kann unzureichend sein bei:
- längerem Fasten oder ausgeprägter Mangelernährung
- alkoholbedingter Hypoglykämie
- schwerer Lebererkrankung
- wiederkehrender Hypoglykämie mit erschöpften Glykogendepots
Übelkeit und Erbrechen sind nach Glucagon häufig. Daher den Atemweg schützen und Kohlenhydrate geben, sobald der Patient wach ist und schlucken kann.
Fertig zubereitete und intranasale Glucagonpräparate sind für Angehörige einfacher anzuwenden als herkömmliche Zubereitungen, die erst aufgelöst werden müssen. In Studien haben intranasales und injiziertes Glucagon die Glukose meist innerhalb von 15 bis 30 Minuten angehoben, doch intravenöse Glukose wirkt schneller und vorhersehbarer, wenn ein Zugang vorhanden ist [8].
Nach dem Erwachen
Sobald der Patient sicher schlucken kann, eine Mahlzeit oder eine Zwischenmahlzeit geben, die eine länger anhaltende Kohlenhydratzufuhr bietet. Kohlenhydrate möglichst mit Eiweiß und anderer üblicher Kost kombinieren.
Eine solche Mahlzeit ist besonders wichtig, wenn die nächste reguläre Mahlzeit weit entfernt liegt, wenn der Patient Basalinsulin genommen hat oder wenn körperliche Aktivität beigetragen hat. Sie ersetzt jedoch weder eine Glukoseinfusion noch ein Antidot oder die Überwachung bei Sulfonylharnstoffen, einer Insulinüberdosis oder einer anderen fortbestehenden Arzneimittelwirkung.
Die Glukose wiederholt kontrollieren. Ein einzelner normaler Wert unmittelbar nach der Behandlung zeigt nur, dass die gegebene Glukose gewirkt hat, nicht, dass die Rezidivgefahr vorüber ist.
Thiamin bei Alkoholkonsum und Mangelernährung
Bei Risiko für einen Thiaminmangel, beispielsweise bei langjährigem schädlichem Alkoholkonsum, schwerer Mangelernährung, lang anhaltendem Erbrechen oder Verdacht auf eine Wernicke-Enzephalopathie, ist Thiamin so bald wie möglich parenteral gemäß hausinternem Standard zu geben.
Die akute Glukosetherapie darf jedoch niemals in Erwartung des Thiamins verzögert werden. Die Evidenz stützt nicht, dass einer einzelnen Glukosedosis Thiamin vorausgehen müsste. Das Risiko betrifft vor allem die fortgesetzte oder wiederholte Glukosezufuhr bei einem Patienten mit unbehandeltem Thiaminmangel. Thiamin kann daher vor, gleichzeitig mit oder unmittelbar nach der Glukose gegeben werden, je nachdem, was praktisch am schnellsten geht [9].
Besondere Ursachen
Schnellwirksames Insulin
Eine Hypoglykämie nach einer Mahlzeitendosis beruht häufig auf:
- zu hoher Dosis
- falschem Insulinpräparat
- ausgelassener oder verspäteter Mahlzeit
- fehlerhafter Kohlenhydratberechnung
- Erbrechen oder Malabsorption
- körperlicher Aktivität
- Alkohol
- vermindertem Insulinbedarf, beispielsweise bei Gewichtsverlust oder Niereninsuffizienz
Klären, welches Präparat gegeben wurde, in welcher Dosis, zu welchem Zeitpunkt und ob der Patient Mahlzeiten- und Basalinsulin verwechselt haben kann. Bei Pumpentherapie auch die Dosishistorie der Insulinpumpe prüfen.
Langwirksames Insulin und Insulinüberdosis
Langwirksames Insulin kann über viele Stunden Rezidive verursachen. Bei einer großen subkutanen Überdosis kann die Resorption unvorhersehbar werden und die Hypoglykämie deutlich länger anhalten als die normale Wirkdauer des Präparats. Der Patient benötigt engmaschige Kontrollen, Ernährung und häufig eine kontinuierliche Glukoseinfusion.
Eine absichtliche Überdosis, eine unklare Dosis, ein falsches Präparat, eine ausgeprägte Niereninsuffizienz oder der Bedarf an wiederholter intravenöser Glukose sprechen für eine stationäre Aufnahme und Überwachung [7].
Sulfonylharnstoffe und Glinide
Sulfonylharnstoffe, vor allem Glibenclamid und Glimepirid, können eine lang anhaltende und rezidivierende Hypoglykämie verursachen. Das Risiko steigt bei hohem Alter, verminderter Nahrungsaufnahme, Niereninsuffizienz, Lebererkrankung und Arzneimittelinteraktionen. Auch therapeutische Dosen können bei einem vulnerablen Patienten eine schwere Hypoglykämie verursachen [10].
Glukose stimuliert die Insulinfreisetzung aus den durch Sulfonylharnstoffe beeinflussten Betazellen. Der Patient kann sich daher nach einem Glukosebolus bessern und erneut hypoglykäm werden, wenn die Glukosewirkung nachlässt.
Vorgehen:
- Die akute Hypoglykämie mit oraler oder intravenöser Glukose korrigieren.
- Den Patienten zur wiederholten Kontrolle stationär aufnehmen.
- Eine Mahlzeit geben, wenn der Patient wach ist.
- Bei Überdosis, unklarer Exposition oder rezidivierender Hypoglykämie den Giftnotruf, also das regional zuständige Giftinformationszentrum, kontaktieren.
- Octreotid gemäß toxikologischer Empfehlung und hausinternem Standard erwägen.
- Die Überwachung fortsetzen, nachdem Glukoseinfusion und ein etwaiges Octreotid beendet wurden.
Octreotid hemmt die Insulinfreisetzung und senkt das Risiko einer erneuten Hypoglykämie nach Sulfonylharnstoffen. Die Datengrundlage stützt sich auf kleinere Studien und klinische Fallserien, die Behandlung ist bei rezidivierender oder schwerer Sulfonylharnstoff-Hypoglykämie jedoch etabliert [7,11].
Glucagon ist als wiederholte Behandlung bei sulfonylharnstoffinduzierter Hypoglykämie weniger geeignet, da darauf eine weitere Insulinfreisetzung und ein Rezidiv folgen können [11].
Niereninsuffizienz
Die Niereninsuffizienz erhöht das Risiko durch:
- verminderte Elimination von Insulin
- verlängerte Wirkung bestimmter Sulfonylharnstoffe und aktiver Metaboliten
- verminderte renale Glukoseproduktion
- Mangelernährung und verminderte Nahrungsaufnahme
- schwerere Begleiterkrankungen
Auch eine zuvor gut funktionierende Insulinverordnung kann daher bei einer akuten Verschlechterung der Nierenfunktion zu hoch werden. Insulin und Risikoarzneimittel müssen vor der Entlassung neu bewertet werden [2,12].
Alkohol
Alkohol hemmt die Glukoneogenese der Leber. Eine isolierte Hypoglykämie ist bei einer gut ernährten Person mit normalen Glykogendepots selten, das Risiko steigt aber deutlich bei Fasten, Mangelernährung, Lebererkrankung und gleichzeitiger Insulintherapie. Der Alkoholeinfluss kann zudem Warnsymptome maskieren und die Fähigkeit des Patienten zur Selbstbehandlung beeinträchtigen [5].
Kritische Erkrankung
Bei einem Patienten ohne bekannten Diabetes kann eine Hypoglykämie ein Zeichen einer schweren Erkrankung sein, beispielsweise:
- Sepsis
- schwere Leberfunktionseinschränkung
- Niereninsuffizienz
- Kreislaufversagen
- schwere Mangelernährung
- Nebennierenrindeninsuffizienz
- ausgedehnte Tumorerkrankung
Sowohl die Hypoglykämie als auch die Grunderkrankung behandeln. Wiederkehrende Glukoseabfälle trotz Behandlung sind ein Marker für einen fortbestehenden pathologischen Prozess und begründen eine Überwachung [5].
Überwachung und Disposition
Es gibt keine Überwachungsdauer, die für alle sicher ist. Die Disposition richtet sich nach Ursache, Wirkdauer des Arzneimittels, Nieren- und Leberfunktion, Behandlungsbedarf, Komorbidität und den Möglichkeiten des Patienten zur weiteren Überwachung.
| Situation | Empfohlenes Vorgehen |
|---|---|
| Einzelne Episode nach schnellwirksamem Insulin, sichere Erklärung, vollständige Erholung | Kann in bestimmten Fällen nach einer Mahlzeit, wiederholt stabilen Glukosewerten und korrigierter Verordnung nach Hause entlassen werden |
| Langwirksames Insulin oder unklare Insulinmenge | Verlängerte Überwachung, häufig stationäre Aufnahme |
| Absichtliche oder große Insulinüberdosis | Stationäre Aufnahme, häufig Überwachungs- oder Intensivstation |
| Sulfonylharnstoffbedingte Hypoglykämie | Stationäre Aufnahme wegen Rezidivgefahr |
| Rezidiv nach initialer Behandlung | Stationäre Aufnahme und weitere Glukosezufuhr |
| Bedarf an Glukoseinfusion oder wiederholten Bolusgaben | Stationäre Aufnahme |
| Niereninsuffizienz, Leberversagen, Sepsis oder andere schwere Komorbidität | Stationäre Aufnahme oder verlängerte Überwachung |
| Unklare Ursache bei einer Person ohne Diabetes | Abklärung und in der Regel stationäre Aufnahme |
| Fortbestehende neurologische Beeinträchtigung trotz normalisierter Glukose | Sofortige erweiterte Abklärung |
| Unzureichende Beaufsichtigung, fehlende Selbstversorgungsfähigkeit oder unsicherer Umgang mit Arzneimitteln | Stationär aufnehmen oder eine sichere Überwachung organisieren |
Nach einer Insulinüberdosis oder einer Sulfonylharnstoff-Hypoglykämie sollte die Überwachung nach Beendigung der Glukoseinfusion und eines etwaigen Octreotids fortgesetzt werden. Eine toxikologische Übersicht nennt als allgemeinen Ausgangspunkt mindestens etwa 12 Stunden nach Behandlungsende, bei langwirksamen Präparaten, Retardzubereitungen, Niereninsuffizienz, hoher Dosis oder vorangegangenen Rezidiven ist jedoch eine längere Dauer erforderlich [7].
Voraussetzungen für die Entlassung
Sämtliche Punkte sollten erfüllt sein:
- der Patient ist vollständig wiederhergestellt
- die Glukose ist bei wiederholten Kontrollen ohne intravenöse Zufuhr stabil
- der Patient hat gegessen und kann weiter essen
- die Ursache ist geklärt und nicht mit einer lang anhaltenden Arzneimittelwirkung verbunden
- Insulin oder eine andere glukosesenkende Therapie ist überprüft
- der Patient oder Angehörige können die Glukose kontrollieren
- bei Bedarf ist eine weitere Beaufsichtigung gewährleistet
- es wurden klare Hinweise zu Rezidiven und dazu gegeben, wann Notfallhilfe zu suchen ist
- die Nachsorge ist organisiert
Eine absichtliche Überdosis erfordert außerdem eine psychiatrische Risikobeurteilung, sobald der Patient medizinisch stabil ist.
Hypoglykämie ohne Diabetes
Eine Hypoglykämie bei Erwachsenen ohne Diabetes ist selten und darf nicht abgetan werden, wenn die Whipple-Trias erfüllt ist [3,5].
Während der Hypoglykämie eine kritische Probe abnehmen
Sofern es ohne Verzögerung der Behandlung möglich ist, Proben abnehmen, während der Patient noch hypoglykäm ist:
- laborchemisch bestimmte Plasmaglukose
- Insulin
- C-Peptid
- Proinsulin
- Beta-Hydroxybutyrat
- Screening auf Sulfonylharnstoffe und andere Insulinsekretagoga
- Insulinantikörper bei entsprechendem Verdacht
Nach klinischer Fragestellung ergänzen um Cortisol, Leberwerte, Nierenfunktionsparameter, Elektrolyte, Infektionsparameter und weitere gezielte Analysen.
Die kritische Probe sollte möglichst vor der intravenösen Glukose abgenommen werden. Der Versuch einer Probengewinnung darf die Behandlung von Krampfanfällen, Bewusstlosigkeit oder einer anderen schweren Neuroglykopenie jedoch niemals verzögern.
Interpretation im Grundsatz
| Befund während verifizierter Hypoglykämie | Spricht für |
|---|---|
| Hohes Insulin, niedriges C-Peptid, niedriges Proinsulin, niedrige Ketone | Exogenes Insulin |
| Hohes Insulin, hohes C-Peptid, hohes Proinsulin, niedrige Ketone | Endogenes Insulin oder ein Insulinsekretagogum |
| Positives Screening auf Sulfonylharnstoff oder Glinid | Arzneimittelinduzierte Insulinfreisetzung |
| Hohes Insulin und C-Peptid bei negativem Arzneimittelscreening | Insulinom oder eine andere endogene Hyperinsulinämie |
| Niedriges Insulin und hohe Ketone | Fasten, Alkohol, Mangelernährung oder eine hormonelle und metabolische Ursache |
| Niedriges Insulin, aber unerwartet niedrige Ketone | An insulinähnliche Wachstumsfaktoren und eine tumorassoziierte Hypoglykämie denken |
Der Insulinspiegel muss nicht über dem Referenzbereich des Labors liegen. Bei niedriger Glukose ist eine nicht adäquat herunterregulierte Insulinsekretion pathologisch.
Differenzialdiagnosen
- Alkohol in Kombination mit Fasten oder Mangelernährung
- Sepsis und andere kritische Erkrankungen
- schwere Leber- oder Niereninsuffizienz
- Nebennierenrindeninsuffizienz
- Hypophyseninsuffizienz
- Insulinom
- andere endogene Hyperinsulinämie
- exogenes Insulin
- Sulfonylharnstoff oder Glinid
- Arzneimittelnebenwirkung
- Hypoglykämie nach Adipositaschirurgie
- Insulinautoimmunsyndrom
- tumorassoziierte Hypoglykämie, unter anderem vermittelt durch den insulinähnlichen Wachstumsfaktor 2
Eine systematische Übersicht hat eine große Zahl weiterer Arzneimittel mit einer Hypoglykämie in Verbindung gebracht, die Evidenz ist jedoch oft schwach. Zu den häufiger berichteten Präparaten zählen Chinolone, Pentamidin, Chinin und Betablocker [12].
Verdacht auf ein Insulinom
Das Insulinom verursacht meist eine Nüchternhypoglykämie, postprandiale Episoden kommen aber vor. Wenn eine spontane Probengewinnung keine Episode erfasst hat, kann ein überwachter Fastentest in einer spezialisierten Einrichtung erforderlich sein. Eine Bildgebung des Pankreas soll erst nach biochemisch nachgewiesener endogener Hyperinsulinämie erfolgen. Mit CT oder MRT ohne biochemische Diagnose zu beginnen, birgt die Gefahr, bedeutungslose Inzidentalome zu finden [3,13].
Nach Adipositaschirurgie
Die postbariatrische Hypoglykämie tritt üblicherweise ein bis drei Stunden nach einer Mahlzeit auf, häufig nach schnell resorbierbaren Kohlenhydraten. Eine Nüchternhypoglykämie ist nicht typisch und sollte zur Abklärung anderer Ursachen einschließlich eines Insulinoms führen. Die kontinuierliche Glukosemessung kann das Muster zeigen, genügt allein aber nicht für die Diagnose [5].
Der nächsten Episode vorbeugen
Eine schwere Hypoglykämie ist nicht fertig behandelt, sobald sich die Glukose normalisiert hat. Die Episode ist zu nutzen, um das Rezidivrisiko zu senken.
Auslösende Faktoren durchgehen
Besonders zu fragen ist nach:
- falscher Dosis oder falschem Insulinpräparat
- veränderten Mahlzeiten oder verminderter Nahrungsaufnahme
- Erbrechen oder Durchfall
- körperlicher Aktivität am selben Tag oder am Vorabend
- Alkohol
- Gewichtsverlust
- verschlechterter Nierenfunktion
- neuen Arzneimitteln
- nächtlichen Episoden
- praktischen Problemen mit Sehvermögen, Gedächtnis, Injektionstechnik oder Insulinpumpe
- Angst vor Hypoglykämien und absichtlicher Überkorrektur durch Essen
Die Therapie überprüfen
- Insulin bei dokumentiert vermindertem Bedarf reduzieren oder umverteilen.
- Sulfonylharnstoffe nach einer schweren Hypoglykämie nach Möglichkeit absetzen oder wechseln.
- Komplizierte Therapieschemata bei gebrechlichen älteren Menschen vereinfachen.
- Glukose- und HbA1c-Ziele individualisieren.
- Sicherstellen, dass Mahlzeiten- und Basalinsulin nicht verwechselt werden.
- Pumpeneinstellungen und Dosishistorie prüfen.
Ältere Menschen mit Niereninsuffizienz, kognitiver Beeinträchtigung, unregelmäßiger Nahrungsaufnahme oder Polypharmazie haben ein besonders hohes Risiko. Das Therapieziel sollte dann Sicherheit vor eine strenge Glukosekontrolle stellen [12].
Hypoglykämiewahrnehmungsstörung
Fragen, ob der Patient üblicherweise autonome Warnsymptome verspürt, bevor eine kognitive Beeinträchtigung eintritt. Eine gestörte Hypoglykämiewahrnehmung erhöht das Risiko einer schweren Hypoglykämie um etwa das Sechsfache [14].
Maßnahmen:
- vorübergehend höhere Glukoseziele
- konsequentes Vermeiden neuer Hypoglykämien
- strukturierte Diabetesschulung
- kontinuierliche Glukosemessung mit Alarm
- Überprüfung der Insulintherapie
- Kontakt zum Diabetesteam
Zwei bis drei Wochen konsequenten Vermeidens von Hypoglykämien können bei manchen Patienten die Symptomschwelle verbessern. Strukturierte Schulung, engmaschige Nachsorge und Diabetestechnologie ergeben in Kombination die besten Ergebnisse [2,4,14].
Kontinuierliche Glukosemessung und Insulinpumpe
Die kontinuierliche Glukosemessung verringert schwere Hypoglykämien beim Typ-1-Diabetes und kann die Zeit unter 3,0 mmol/l reduzieren. Sensorgekoppelte Pumpen und die automatisierte Insulinzufuhr können das Insulin drosseln oder stoppen, wenn die Glukose niedrig ist oder ein Abfall erwartet wird [2,15].
Der eigene Sensor des Patienten kann während des Krankenhausaufenthalts als ergänzende Information dienen, akute Behandlungsentscheidungen sollten jedoch mit der Glukosemessung der Einrichtung bestätigt werden, wenn der Sensorwert unerwartet ist oder nicht zu den Symptomen passt.
Glucagon zu Hause
Personen mit Typ-1-Diabetes und andere Patienten mit deutlichem Risiko für eine schwere Hypoglykämie sollten Zugang zu Glucagon haben. Angehörige sollen praktisch geschult werden und wissen, dass:
- Glucagon gegeben wird, wenn der Patient sich nicht mehr sicher selbst behandeln kann
- bei Bewusstlosigkeit oder ausbleibender Wirkung Notfallhilfe zu rufen ist
- der Patient wegen des Erbrechens in die stabile Seitenlage zu bringen ist
- Kohlenhydrate zu geben sind, sobald der Patient erwacht ist und schlucken kann
- Verfalldatum und Lagerung zu prüfen sind
Leitlinien bevorzugen fertig zubereitete Präparate, die vor der Anwendung nicht gemischt werden müssen, da sie in einer Akutsituation einfacher und weniger fehleranfällig sind [2].
Autofahren
Darüber informieren, dass eine schwere oder wiederholte Hypoglykämie und eine gestörte Hypoglykämiewahrnehmung die medizinische Fahreignung beeinflussen können. Der Patient sollte nicht fahren, bevor Glukose und kognitive Funktion wiederhergestellt sind. Die aktuellen schwedischen Fahrerlaubnisvorschriften und eine etwaige Meldepflicht müssen gesondert geprüft werden, da internationale Leitlinien die schwedische Rechtslage nicht ersetzen. (Im deutschsprachigen Raum gelten entsprechend die dortigen Fahreignungsvorgaben.)
Red Flags
- Sulfonylharnstoff, Glinid, langwirksames Insulin oder unbekannte Insulindosis.
- Absichtliche Überdosis.
- Wiederholte Glukoseabfälle nach initialer Besserung.
- Bedarf an einer intravenösen Glukoseinfusion.
- Niereninsuffizienz, Leberversagen, Sepsis oder Mangelernährung.
- Hypoglykämie bei einer Person ohne Diabetes.
- Krampfanfälle, Trauma oder lang anhaltende Bewusstlosigkeit.
- Fortbestehende Fokalneurologie oder Bewusstseinsminderung nach normalisierter Glukose.
- Verdacht auf Nebennierenrindeninsuffizienz mit Hypotonie, Hyponatriämie oder Hyperkaliämie.
- Fehlende Beaufsichtigung oder Unfähigkeit, Arzneimittel und Glukosemessung zu Hause zu handhaben.
Häufige Fallstricke
- Bei einem bewusstseinsgeminderten, verwirrten oder neurologisch beeinträchtigten Patienten keine Glukose zu messen.
- Die Glukosetherapie durch Probengewinnung oder Thiamingabe verzögern zu lassen.
- Einem Patienten Speisen oder Getränke zu geben, der den Atemweg nicht schützen kann.
- Den Patienten nach einem einzigen normalen Glukosewert als fertig behandelt zu beurteilen.
- Einen Patienten mit sulfonylharnstoffinduzierter Hypoglykämie nach vorübergehender Besserung nach Hause zu schicken.
- Zu übersehen, dass langwirksames Insulin und große Insulindepots späte Rezidive verursachen können.
- Bei Sulfonylharnstoffen wiederholte Glukoseboli zu geben, ohne Octreotid zu erwägen.
- Einem niedrigen Sensorwert ohne Symptome oder bestätigende Messung unkritisch zu vertrauen.
- Eine fortbestehende Fokalneurologie als rein posthypoglykämisch abzutun. Hypoglykämie und Schlaganfall können gleichzeitig vorliegen.
- Routinemäßig eine kraniale Computertomografie allein deshalb anzufordern, weil der Patient hypoglykäm war. Die Bildgebung richtet sich nach fortbestehenden neurologischen Befunden, Trauma, Krampfanfällen, Schlaganfallverdacht oder einer anderen klinischen Fragestellung.
- Die Prävention zu vergessen. Verordnung, Nierenfunktion, Mahlzeitenmuster, Hypoglykämiewahrnehmung und die Möglichkeit zur Selbstversorgung müssen vor der Entlassung durchgegangen werden.
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