Zerumen ist zu entfernen, wenn es Symptome verursacht oder das Trommelfell verdeckt — nicht routinemäßig. Das Ohrenschmalz hat eine Schutzfunktion, und die häufigste Komplikation der Ohrspülung ist, dass jemand ein Ohr spült, das nicht gespült werden musste. Die zweithäufigste ist, dass an einem bereits perforierten Trommelfell gespült wird.
Indikationen
Otoskopie: Ohrenschmerzen, Hörminderung, Ohrsekretion, Schwindel, Tinnitus, Fieber bei Kindern ohne offensichtlichen Fokus sowie vor jeder Ohrspülung.
Zerumenentfernung:
- Hörminderung, Druckgefühl, Juckreiz, Ohrenschmerz oder Schwindel, die sich auf einen Zerumenpfropf zurückführen lassen.
- Das Trommelfell lässt sich nicht inspizieren, und die Untersuchung wird für die Diagnostik benötigt.
- Vor einer Hörprüfung oder der Anpassung eines Hörgeräts.
- Rezidivierende Otitis externa, bei der das Zerumen Feuchtigkeit zurückhält.
Kontraindikationen
Absolut gegen die Spülung:
- Bekannte oder vermutete Trommelfellperforation — einschließlich einer Anamnese mit Paukenröhrchen, Ohrsekretion oder Schmerzen bei Wasserkontakt.
- Ohroperation in der Anamnese, bei der das Mittelohr offen stehen kann (Radikalhöhle, Mastoidektomie).
- Einziges hörendes Ohr.
Relativ (manuelle Technik wählen oder an die HNO überweisen):
| Zustand | Begründung |
|---|---|
| Diabetes, Immunsuppression | Gefahr einer nekrotisierenden Otitis externa |
| Antikoagulation | Blutung im Gehörgang |
| Frühere Strahlentherapie im Kopf-Hals-Bereich | Empfindliche Haut, schlechte Heilung |
| Gehörgangsstenose oder Exostosen | Eng, schwer zugänglich |
| Bestehende Otitis externa | Schmerz, Ausbreitung der Infektion |
| Kleines oder unkooperatives Kind | Bewegung führt zu Verletzungen |
Vorbereitung und Material
Otoskopie: Otoskop mit geladener Batterie und saubere Einmaltrichter in mehreren Größen. Den größten Trichter verwenden, der hineinpasst — er gibt das meiste Licht und die beste Übersicht.
Spülung: 30–60-ml-Spritze mit weichem Spülkatheter oder eine elektrische Ohrspülvorrichtung mit Druckbegrenzung, körperwarmes Wasser oder Kochsalzlösung (36–37 °C), Nierenschale, Handtuch, Absaugung.
Manuelle Technik: Operationsotoskop oder Stirnlampe mit Lupe, Zerumenkürette oder Öse, Winkelhäkchen, Alligatorzange, Absaugkatheter (Frazier oder Baron, 5 Fr).
Zerumenolytika (Docusat-Natrium, Natriumbicarbonattropfen, Olivenöl, Carbamidperoxid) werden 15–30 Minuten vor dem Eingriff instilliert oder bei hartem Pfropf über einige Tage zu Hause angewendet. Den Patienten nach der Instillation 5 Minuten mit dem Ohr nach oben liegen lassen.
Durchführung
Otoskopie
- Das äußere Ohr, den Tragus und den Bereich hinter der Ohrmuschel inspizieren, bevor das Otoskop eingeführt wird — eine Rötung über dem Mastoid und ein abstehendes Ohr gehören nicht zum Trommelfell, sind aber der wichtigste Befund, wenn sie vorliegen.
- Den Gehörgang strecken: die Ohrmuschel bei Erwachsenen nach oben und hinten, bei kleinen Kindern nach unten und hinten ziehen.
- Die Hand an der Wange des Patienten abstützen, damit das Otoskop einer Kopfbewegung folgt.
- Den Trichter unter Sicht einführen, höchstens etwa 8 mm.
- Einer systematischen Reihenfolge folgen: Haut des Gehörgangs → Farbe und Transparenz des Trommelfells → Lichtreflex → Hammergriff und Processus brevis → Pars flaccida → Zeichen eines Ergusses (Spiegel, Bläschen, Retraktion oder Vorwölbung).
- Bei Bedarf pneumatische Otoskopie: eine leichte Druckänderung mit dem Blasebalg zeigt, ob das Trommelfell beweglich ist — ein unbewegliches Trommelfell spricht für einen Mittelohrerguss.


Spülung
- Ein intaktes Trommelfell bestätigen, sofern es überhaupt einsehbar ist, und aktiv nach einer früheren Perforation oder Paukenröhrchen fragen.
- Ein Zerumenolytikum instillieren, 15–30 Minuten warten.
- Der Patient sitzt aufrecht mit einem Handtuch über der Schulter und hält die Nierenschale unter dem Ohr an den Hals.
- Die Katheterspitze höchstens 0,5 cm in den Gehörgang einführen, nicht über die behaarte Haut hinaus.
- Den Strahl nach oben und hinten entlang der oberen Gehörgangswand richten, am Pfropf vorbei — nicht direkt darauf. Das Wasser soll hinter das Zerumen gelangen und es herausdrücken.
- Mäßigen Druck verwenden. In mehreren Durchgängen wiederholen und dazwischen jeweils inspizieren.
- Den Gehörgang trocknen und das Trommelfell kontrollieren. Bei intaktem Trommelfell können einige Tropfen Isopropylalkohol das Abtrocknen beschleunigen.

Manuelle Entfernung
Liegt der Patient mit abgestütztem Kopf, wird die Arbeit stabiler. Unter direkter Sicht: weiches Zerumen wird mit der Absaugung oder einer löffelförmigen Kürette entfernt, hartes Zerumen mit einer Öse oder einem Winkelhäkchen, das am Pfropf vorbeigeführt wird und ihn nach außen zieht. Niemals mit einem Instrument arbeiten, dessen Spitze nicht sichtbar ist.
| Konsistenz des Zerumens | Beste Technik |
|---|---|
| Weich, flüssig | Absaugung |
| Fest, aber nachgiebig | Kürette oder Löffel |
| Hart, impaktiert | Zerumenolytikum über einige Tage, danach Öse oder Häkchen |
| Zerumen um einen Fremdkörper | Keine Spülung — siehe eigene Anleitung |
Interpretation der Trommelfellbefunde
Stets vier Dinge beurteilen: Farbe, Transparenz, Position (retrahiert, normal oder vorgewölbt) und Beweglichkeit. Die Kombination ergibt die Diagnose — eine Rötung allein genügt nicht, denn ein schreiendes oder fieberndes Kind kann auch ohne Mittelohrentzündung ein gerötetes Trommelfell haben.


| Befund | Typisches Bild | Interpretation |
|---|---|---|
| Normal | Perlgrau, durchscheinend, Lichtreflex nach vorn-unten, beweglich | Keine Mittelohrpathologie |
| Akute Otitis media | Undurchsichtig, gerötet, vorgewölbt, unbeweglich | Frage nach einer Antibiotikaindikation gemäß nationaler Empfehlung |
| Seromukotympanon | Matt, gelblich oder bernsteinfarben, retrahiert, Flüssigkeitsspiegel oder Bläschen, verminderte Beweglichkeit | Erguss ohne akute Infektion — Hörkontrolle und Verlaufskontrolle |
| Perforation | Dunkler Defekt mit scharfem Rand, meist in der Pars tensa | Spülung kontraindiziert |
| Paukenröhrchen | Ein kleines Kunststoffröhrchen im Trommelfell, meist im vorderen unteren Quadranten | Spülung kontraindiziert |
| Myringitis | Bläschen auf der Oberfläche des Trommelfells | Schmerzhaft, häufig viral |
| Cholesteatom | Weiße schuppende Masse oder Retraktionstasche in der Pars flaccida | Überweisung an die HNO |
Das Trommelfell lässt sich überhaupt nicht beurteilen, wenn Zerumen es verdeckt. Ein Trommelfell zu beschreiben, das man nicht gesehen hat, ist ein Dokumentationseintrag, der gefährlich werden kann — stattdessen schreiben, dass es nicht inspiziert werden konnte, und warum.
Komplikationen
- Trommelfellperforation — meist durch zu hohen Spüldruck oder zu tiefe Instrumentierung.
- Vestibuläre Reaktion mit Schwindel, Übelkeit und Bradykardie, wenn die Spülflüssigkeit nicht körperwarm ist (kalorische Stimulation).
- Otitis externa, insbesondere wenn Wasser hinter verbliebenem Zerumen zurückbleibt.
- Nekrotisierende Otitis externa bei Diabetikern und Immunsupprimierten — selten, aber schwerwiegend.
- Blutung und Lazeration im Gehörgang, Tinnitus, Hörminderung.
Sofort abbrechen bei starkem Schmerz, Schwindel, Tinnitus, plötzlicher Hörminderung oder Blutung.
Nachsorge und Verlaufskontrolle
Das Gehör nach dem Eingriff kontrollieren — möglichst mit derselben Methode wie zuvor. Darüber aufklären, dass Wattestäbchen das Zerumen tiefer stopfen und zu meiden sind. Bei wiederkehrenden Zerumenpfröpfen können 2–3 Tropfen Olivenöl pro Woche prophylaktisch verwendet werden.
Bei Verdacht auf eine Perforation nach der Spülung: das Ohr trocken halten, neomycinhaltige Tropfen meiden und nach 3–4 Wochen kontrollieren. Eine fortbestehende Perforation oder Hörminderung wird an die HNO überwiesen.
Häufige Fallstricke
- Spülung bei unvollständiger Anamnese. Ausdrücklich nach Paukenröhrchen, früherer Perforation und Ohroperationen fragen — sonst erfährt man es hinterher.
- Kalte oder heiße Spülflüssigkeit löst Schwindel und Übelkeit aus. Körpertemperatur, jedes Mal.
- Zu tiefe Instrumentierung. Ohne einwandfreie Sicht innerhalb von 8 mm bleiben.
- Neomycinhaltige Tropfen verursachen bei bis zu 13 % eine Kontaktdermatitis — ein anderes Präparat wählen.
- Munddusche oder Wasserstrahlreiniger als Spülgerät — der Druck genügt, um das Trommelfell zu sprengen.
- Endlos weiterzumachen. Vorab festlegen, wie viele Versuche vertretbar sind; ein harter Pfropf löst sich mit einigen Tagen Aufweichen besser als mit zehn Spülungen.
- Symptomloses Zerumen zu entfernen — ohne Indikation bleibt nur das Risiko.