Endokrinologie·

FINDRISC (finnischer Diabetes-Risiko-Score)

Schätzt das 10-Jahres-Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes anhand einfacher klinischer Daten und Lebensstildaten.

Aktualisiert 22. August 2026

FINDRISC (finnischer Diabetes-Risiko-Score)
Alter
Gewicht
Größe
Geschlecht
Taillenumfang
cm
Mindestens 30 Minuten körperliche Aktivität täglich (Arbeit + Freizeit)
Bewertung mit 0 für Ja, 2 für Nein
Isst täglich Gemüse, Obst oder Beeren
Bewertung mit 0 für Ja, 1 für Nein
Hat jemals regelmäßig Blutdruckmedikamente eingenommen
Früher erhöhter Blutzucker (Gesundheitsuntersuchung, Erkrankung, Schwangerschaft)
Familiäre Belastung für Diabetes
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Nur Entscheidungshilfe. Ersetzt keine klinische Beurteilung. Keiner der Rechner wurde von einer namentlich genannten Ärztin oder einem Arzt geprüft und freigegeben.

Wann sie angewendet wird

  • Opportunistisches oder bevölkerungsbasiertes Screening in der Primärversorgung, um Erwachsene zu identifizieren, die von einer Glukosetestung oder einer Lebensstilintervention profitieren würden.

Formel

Summe der Punkte für Alter, BMI, Taillenumfang (geschlechtsspezifisch), körperliche Aktivität, täglichen Obst-/Gemüsekonsum, blutdrucksenkende Medikation, früher erhöhte Blutglukose sowie Diabetes in der Familienanamnese. Bereich 0-26.

Literatur

  1. Lindström J, Tuomilehto J. Diabetes Care. 2003;26(3):725-31.

Klinischer Hintergrund

Der FINDRISC (Finnish Diabetes Risk Score, finnischer Diabetes-Risikoscore) schließt eine Lücke, die vor der Labordiagnostik entsteht. Der Typ-2-Diabetes entwickelt sich über Jahre ohne Symptome, und die Möglichkeit, die Erkrankung durch eine Lebensstilintervention zu verzögern oder zu verhindern, ist gut belegt, setzt aber voraus, dass die richtigen Personen identifiziert werden. Eine Glukosebestimmung oder ein oraler Glukosetoleranztest (OGTT) in der gesamten Bevölkerung ist nicht ressourceneffizient. Der FINDRISC wurde gerade dafür entwickelt, diejenigen herauszufiltern, deren Risiko so erhöht ist, dass eine weitere Abklärung gerechtfertigt ist, und zwar anhand von Variablen, die ohne Blutentnahme erhoben werden können: Alter, Anthropometrie, Lebensstil, antihypertensive Behandlung, frühere Hyperglykämie und familiäre Belastung.

Der Hauptzweck des Scores ist also nicht, einen Diabetes zu diagnostizieren, sondern auszuwählen, wer eine Glukosetestung erhalten soll. Er fungiert als erster Filter in einem zweistufigen Vorgehen, dessen zweiter Schritt die Nüchternplasmaglukose, der HbA1c oder ein OGTT ist.

Berechnung des FINDRISC

Der FINDRISC ist eine additive Punktsumme aus neun Komponenten:

FINDRISC=SAlter+SBMI+STaille+SGeschlecht+SAktivita¨t+SErna¨hrung+SBlutdruck+SGlukose+SFamilienanamnese\text{FINDRISC} = S_{\text{Alter}} + S_{\text{BMI}} + S_{\text{Taille}} + S_{\text{Geschlecht}} + S_{\text{Aktivität}} + S_{\text{Ernährung}} + S_{\text{Blutdruck}} + S_{\text{Glukose}} + S_{\text{Familienanamnese}}

wobei jedes SS der Punktbeitrag der jeweiligen Komponente ist. Der Gesamtbereich beträgt 0 bis 26 Punkte.

Die Komponenten werden wie folgt bewertet:

Komponente Punkte
Alter: Unter 45 = 0; 45-54 = 2; 55-64 = 3; Über 64 = 4 0-4
BMI: <25 = 0; 25-30 = 1; >30 = 3 0-3
Taillenumfang (geschlechtsspezifisch): Männer <94 = 0, 94-102 = 3, >102 = 4; Frauen <80 = 0, 80-88 = 3, >88 = 4 0-4
Geschlecht: Frau = 0; Mann = 1 0-1
Körperliche Aktivität: Mindestens 30 Minuten täglich = 0; Nein = 2 0-2
Ernährung: Isst täglich Gemüse, Obst oder Beeren = 0; Nein = 1 0-1
Antihypertensive Medikation: Nie eingenommen = 0; Ja = 2 0-2
Früher erhöhter Blutzucker: Nein = 0; Ja = 5 0-5
Familiäre Belastung: Nein = 0; Großeltern/Tante/Onkel/Cousin bzw. Cousine = 3; Eltern/Geschwister/eigenes Kind = 5 0-5

Die Ableitungskohorte bestand aus einer Zufallsstichprobe finnischer Männer und Frauen im Alter von 35 bis 64 Jahren, die zu Studienbeginn keine antidiabetische Medikation erhielten. Insgesamt wurden 4.435 Personen mit vollständigen Ausgangsdaten über 10 Jahre nachbeobachtet, und 182 Inzidenzfälle eines medikamentös behandelten Typ-2-Diabetes wurden über das nationale Arzneimittelregister identifiziert. Mit einer multivariaten logistischen Regression wurde jeder Variablenkategorie ein Punktwert zugewiesen. Der Score wurde in einer unabhängigen finnischen Bevölkerungsuntersuchung aus dem Jahr 1992 mit 5 Jahren Nachbeobachtung validiert [1].

Die vom Rechner verwendete Version umfasst 0 bis 26 Punkte und enthält das Geschlecht als Variable, die in der ursprünglichen Publikation, in der der Punktebereich 0 bis 20 betrug, nicht enthalten war. Die erweiterte Version hat zudem eine höhere Alterskategorie (Über 64 = 4 Punkte) und wird heute international verwendet.

Interpretation in der Praxis

Der FINDRISC wird anhand von Risikobändern interpretiert, die dem geschätzten 10-Jahres-Risiko für Typ-2-Diabetes entsprechen. Die gebräuchlichen Bänder lauten:

Punkte Risikostufe Geschätztes 10-Jahres-Risiko Klinisches Vorgehen
0-6 Niedrig etwa 1 % Keine routinemäßige Glukosetestung. Bei Bedarf erneut erheben, insbesondere bei Änderung des Lebensstils.
7-11 Leicht erhöht etwa 4 % Lebensstilberatung. Glukosetestung erwägen, wenn weitere Risikofaktoren hinzukommen.
12-14 Mäßig etwa 17 % Glukosetestung (Nüchternplasmaglukose oder HbA1c) wird empfohlen. Lebensstilintervention.
15-20 Hoch etwa 33 % Glukosetestung sollte angeboten werden. Strukturierte Lebensstilintervention, Nachsorge.
>20 Sehr hoch etwa 50 % Glukosetestung zeitnah durchführen. Überweisung in ein Diabetespräventionsprogramm erwägen.

Die am häufigsten verwendete Grenze zur Definition eines hohen Risikos liegt bei 15 Punkten; dies ist der Schwellenwert, der in der internationalen FINDRISC-Dokumentation empfohlen wird [2]. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2025, die 32 Studien zusammenfasste, fand jedoch, dass niedrigere Schwellenwerte, insbesondere 9 und 10 Punkte, ein besseres Gleichgewicht zwischen Sensitivität und Spezifität ergaben, wenn das Instrument zum Screening auf bereits bestehenden, aber unentdeckten Diabetes eingesetzt wurde [3]. Ein Schwellenwert von 12 Punkten verringerte den Anteil falsch positiver Befunde auf Kosten einer geringeren Sensitivität [3]. Die Wahl des Schwellenwerts hängt also davon ab, ob das Instrument zur Vorhersage der zukünftigen Inzidenz (dann höherer Schwellenwert, typischerweise 15) oder zum Auffinden eines unentdeckten Diabetes (dann niedrigerer Schwellenwert, 9 bis 12) verwendet wird.

Praktische Hinweise

Der Score erfasst das Risiko, nicht den Glukosestatus. Auch Personen mit niedriger Punktzahl können einen unentdeckten Diabetes haben, und bei klinischem Verdacht (Symptome, Begleiterkrankungen) hat die direkte Glukosemessung Vorrang vor dem Score. Der Score eignet sich ferner als Gesprächsgrundlage: Die einzelnen Komponenten zeigen der Patientin oder dem Patienten, welche Faktoren veränderbar sind (Taillenumfang bzw. Körpergewicht, körperliche Aktivität, Ernährung). Die Wirksamkeit von Lebensstilinterventionen bei Personen mit hohem Risiko ist in großen randomisierten Studien belegt, unter anderem in der Finnish Diabetes Prevention Study und im Diabetes Prevention Program.

Validierung und Leistungsfähigkeit

In der Ableitungskohorte wurden beim Schwellenwert ≥9\geq 9 Punkte eine Sensitivität von 0,78 und eine Spezifität von 0,77 in der Kohorte von 1987 erreicht, mit entsprechend 0,81 bzw. 0,76 in der Kohorte von 1992 [1]. Der positive prädiktive Wert war jedoch niedrig: 0,13 in der ersten und 0,05 in der zweiten Kohorte, was die niedrige Basisinzidenz in einer bevölkerungsbasierten Kohorte widerspiegelt.

Eine externe Validierung wurde in mehreren europäischen Populationen mit unterschiedlichen Ergebnissen durchgeführt. In einer spanischen Primärversorgungskohorte (1.242 Teilnehmende, älter als 45 Jahre, mediane Nachbeobachtung 7,3 Jahre, 104 Inzidenzfälle) wurde für den ursprünglichen FINDRISC beim Schwellenwert 15 Punkte eine AUC von 0,68 (95 %-KI 0,65 bis 0,71) gemessen [2]. Dies war numerisch besser als bei den Scores DESIR und ADA, die beide eine AUC von 0,66 erreichten, der Unterschied war jedoch nicht signifikant.

In einer ungarischen bevölkerungsbasierten Kohorte (2.059 Teilnehmende, keine obere Altersgrenze, 8 Jahre Nachbeobachtung, 279 Inzidenzfälle) lag die AUC des ursprünglichen FINDRISC bei 0,66 (95 %-KI 0,63 bis 0,69) beim Schwellenwert 12 Punkte, mit einer Sensitivität von 68,5 % und einer Spezifität von 57 % [4]. Die Kalibrierung war gut, ohne Hinweise auf eine Überanpassung. Wurden die Punktgewichte an die ungarische Population rekalibriert, verbesserte sich die Diskrimination marginal auf eine AUC von 0,68 (95 %-KI 0,65 bis 0,71). Interessanterweise blieb die Diskrimination auch dann unverändert, wenn körperliche Aktivität, Obst- und Gemüseverzehr sowie familiäre Belastung entfernt wurden, da diese Variablen in der Kohorte keine unabhängigen Prädiktoren waren [4].

Eine schweizerische bevölkerungsbasierte Kohorte (CoLaus, 5.131 Teilnehmende, 35 bis 75 Jahre, 10,9 Jahre Nachbeobachtung) berichtete eine bessere Diskrimination mit einer AUC von 0,818 für den FINDRISC, der zweitbeste von sieben getesteten Risikoscores nach einem klinischen und biochemischen Modell [5]. Diese Kohorte hatte allerdings eine obere Altersgrenze von 75 Jahren, was wahrscheinlich zur höheren Leistung beiträgt.

Eine systematische Übersichtsarbeit zu Lateinamerika stellte fest, dass keine Studie eine echte externe Validierung des ursprünglichen FINDRISC durchgeführt hatte; stattdessen wurde das Modell mit denselben oder ähnlichen Prädiktoren neu geschätzt. Die AUC lag durchgehend über 0,65, aber alle Studien wurden als mit hohem Risiko für Bias behaftet beurteilt [6].

Zusammenfassend variiert die Diskrimination in externen Kohorten zwischen einer AUC von 0,66 und 0,82, mit schlechterer Leistung in Populationen, die sehr alte Personen einschließen, und besserer Leistung in Kohorten mit oberer Altersbegrenzung.

Einschränkungen

Der FINDRISC gilt für Erwachsene ohne bekannten Diabetes. Er sollte nicht angewendet werden bei Patientinnen und Patienten mit bereits gesichertem Typ-2-Diabetes, in der Schwangerschaft (hier gelten andere Risikomodelle für den Gestationsdiabetes) oder bei Personen mit monogenem Diabetes (MODY) oder Typ-1-Diabetes.

Die wichtigste Einschränkung ist die Altersabhängigkeit. In der ungarischen Validierung war die Diskrimination bei Teilnehmenden ab 65 Jahren signifikant schlechter als bei jüngeren, mit einem AUC-Unterschied von mehr als 0,10 [4]. Dies beruht wahrscheinlich auf einem "Healthy-Survivor"-Effekt: Bei sehr alten Menschen ist die Diabetesinzidenz niedriger, und der prädiktive Wert der Risikofaktoren schwächt sich ab. Der FINDRISC wurde auf die Altersgruppe über 64 Jahre ausgedehnt, ohne dass diese Erweiterung unter Fairnessaspekten formal validiert wurde [4].

Die Fragen zu körperlicher Aktivität und Ernährung beruhen auf Selbstauskunft und unterliegen sowohl Erinnerungsfehlern als auch sozialer Erwünschtheit. In der ungarischen Kohorte waren weder körperliche Aktivität, Obst- und Gemüseverzehr noch familiäre Belastung signifikante unabhängige Prädiktoren [4], was ihren Beitrag in Populationen infrage stellt, die sich von der finnischen Ableitungskohorte unterscheiden.

Der positive prädiktive Wert ist auch bei hohen Punktzahlen niedrig, insbesondere in Populationen mit geringer Diabetesprävalenz. Ein hoher Wert bedeutet also nicht, dass ein Diabetes unmittelbar bevorsteht, sondern dass eine Glukosetestung gerechtfertigt ist. Umgekehrt kann ein niedriger Wert einen Diabetes nicht sicher ausschließen, insbesondere nicht bei älteren Personen.

Das Risiko ist nicht statisch. Eine Patientin oder ein Patient mit heute niedriger Punktzahl kann durch Gewichtszunahme, den Beginn einer antihypertensiven Medikation oder einfach durch das Älterwerden eine Schwelle überschreiten. Der FINDRISC sollte daher bei Personen mit sich entwickelnden Risikofaktoren in Abständen von einigen Jahren wiederholt werden.

Quellen

  1. Lindström J, Tuomilehto J. The diabetes risk score: a practical tool to predict type 2 diabetes risk. Diabetes Care 2003;26(3):725-31. PMID: 12610029
  2. Salinero-Fort M, Mostaza-Prieto JM, Lahoz-Rallo C et al. External validation of three diabetes prediction scores in a Spanish cohort: does adding high risk for depression improve the validation of the FINDRISC score (FINDRISC-MOOD)? BMJ Open 2024;14:e083121. PMID: 38844393
  3. Acosta-Reyes J, Rodríguez Garrido DP, Acosta Vergara T et al. Finnish diabetes risk score (FINDRISC) for type 2 diabetes screening compared with the oral glucose tolerance test: a systematic review and meta-analysis of diagnostic test accuracy. Diabetes Res Clin Pract 2025;229:112480. PMID: 40947023
  4. Bagyura Z, Kiss LZ, Panykó I et al. Validation of the Finnish Diabetes Risk Score (FINDRISC) in a Central-European population for the prediction of cumulative incidence of type 2 diabetes over 8 years: follow-up of the Budakalász Health Examination Survey (BHES). Diabetes Metab Res Rev 2025;41(8):e70105. PMID: 41224526
  5. Kraege V, Fabecic J, Marques-Vidal P et al. Validation of seven type 2 diabetes mellitus risk scores in a population-based cohort: the CoLaus study. J Clin Endocrinol Metab 2020;105(3):dgz220. PMID: 31781764
  6. Carrillo-Larco RM, Aparcana-Granda DJ, Mejia JR et al. FINDRISC in Latin America: a systematic review of diagnosis and prognosis models. BMJ Open Diabetes Res Care 2020;8:e001169. PMID: 32327446