26.1 Warum KI besser ist als der Mensch und der Mensch besser als KI
Damit ein Mensch einen Algorithmus entwickeln kann, braucht er fundiertes Fachwissen, Erfahrung und Objektivität. Leider hat nicht einmal der erfahrenste Arzt alle Patienten gesehen, die an der Krankheit leiden, auf die er spezialisiert ist. Ebenso wenig gibt es einen Experten, der mit Sicherheit Regeln festlegen kann, die für alle Besucher eines Onlineshops passen. Mit Machine Learning lässt sich der Computer mit sämtlichen Informationen füttern, die Tausende von Ärzten gesammelt haben. Dadurch erhält das Modell des maschinellen Lernens die gesammelten Erfahrungen und Einschätzungen all dieser Ärzte. Auf dieser Grundlage wird ein Vorhersagemodell erstellt. Mit der heutigen Rechenleistung und modernen Verfahren des maschinellen Lernens kann der Computer Vorhersagen in Sekundenbruchteilen treffen. Zudem kann der Computer bei der Berechnung Tausende von Variablen berücksichtigen. Der Mensch schafft das nicht.
Stellen Sie sich eine Datenbank mit Krebspatienten vor. Die Datenbank ist entstanden, indem sämtliche Krankenhäuser des Landes ihre Daten zusammengeführt haben. Sie enthält Informationen von Tausenden Personen, und für jede Person wurden gut 100 Variablen erhoben. Eine dieser Variablen gibt an, ob der Patient 1 Jahr nach der Krebsdiagnose noch am Leben war. Mit diesen Daten trainieren wir ein Modell, dessen Zielgröße das Überleben nach 1 Jahr ist. Vermutlich dauert es etwa 15 Minuten, bis das Modell fertig ist. Das bedeutet, dass wir in 15 Minuten ein Modell erstellen können, das über Wissen verfügt, das von Hunderten von Ärzten generiert wurde, und dieses Wissen ist zudem sehr detailliert (100 Variablen). Anschließend können wir das Modell nutzen, um vorherzusagen, ob ein künftiger Patient 1 Jahr nach der Krebsdiagnose überleben wird. Der Computer berücksichtigt dann alle 100 Variablen des neuen Patienten und sagt mithilfe des zuvor erworbenen Wissens die Wahrscheinlichkeit vorher, dass der Patient in 1 Jahr noch lebt. Die Berechnung mit diesen 100 Variablen wird für den Computer vermutlich nicht länger als eine Zehntelsekunde dauern.
Stellen Sie sich nun vor, Sie sind Ärztin oder Arzt und sollen die Wahrscheinlichkeit berechnen, dass ein Patient in 1 Jahr noch lebt. Ihre Berechnung sollen Sie auf all Ihre bisherigen Erfahrungen und Ihr Wissen stützen. Vermutlich sind Ihre Erfahrungen und Ihr Wissen deutlich geringer als das gesammelte Wissen und die Erfahrungen, die in der großen Datenbank mit allen Patienten steckten. Außerdem wird es Ihnen sehr schwerfallen, eine Berechnung mit 100 Variablen durchzuführen. Wahrscheinlich werden Sie nicht einmal 5 Variablen bewältigen können, und Wahrscheinlichkeiten finden Sie, wie die meisten anderen auch, ausgesprochen kompliziert. Ausgerechnet heute sind Sie außerdem ziemlich müde, weil Sie die ganze Woche schlecht geschlafen haben. Bald wird Ihnen klar, dass wir Menschen für diese Aufgaben nicht besonders gut geeignet sind.
Menschen ermüden und sind im Vergleich zu Computern extrem langsam beim Rechnen. Die allermeisten Menschen brauchen ein paar Sekunden, um Folgendes zu berechnen:
15 · 13
Der Computer braucht 0,0009250641 Sekunden, um Folgendes zu berechnen:
1,8373627263826 · 8763,26372763827
Menschen haben zudem Mühe, sich Dinge zu merken. Das haben Sie sicher schon bemerkt, wenn Sie versucht haben, sich eine Telefonnummer einzuprägen. Den meisten von uns fällt es schwer, eine 5-stellige Zahl im Gedächtnis zu behalten. Noch schwieriger ist es, mehrere Informationen gleichzeitig zu verarbeiten. Ein Beispiel dafür ist die folgende, scheinbar einfache Frage:
Fakt: 75 % aller Personen mit Fieber haben eine Infektion. Fakt: 50 % aller Personen mit Infektion haben Fieber. Frage: Wie häufig liegt eine Infektion vor, wenn man Fieber hat?
Die allermeisten müssen dies mehrmals lesen, bevor sie richtig antworten. Ein Computer hingegen ermüdet nicht, hat ein extrem gutes Gedächtnis und kann in wenigen Sekunden Berechnungen durchführen, die Millionen von Variablen umfassen. Ein Computer wird auch nicht von Vorurteilen und Vorlieben beeinflusst, sondern trifft stets objektive Einschätzungen auf Grundlage der datengetriebenen Regeln, die er während des Trainings erstellt hat.
Der Mensch ist nicht besonders gut darin, Algorithmen zu entwickeln oder Berechnungen anzustellen. Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Die Eigenschaften des Menschen sind das Ergebnis evolutionären Selektionsdrucks. Im Laufe der menschlichen Evolution wurden bestimmte Eigenschaften selektiert, weil sie die Überlebenschancen erhöhten. Im Verlauf der Evolution war es nicht erstrebenswert, 1,8386·8763,2634 berechnen zu können, weshalb sich diese Fähigkeit beim Menschen nicht entwickelt hat. Ebenso wenig war es vorteilhaft, sich Zahlen merken zu können. Unser Überleben wurde dagegen durch die Entwicklung ausgefeilter motorischer Fähigkeiten begünstigt. Das Kleinhirn des Menschen (das die Motorik des Körpers steuert) vergisst nie! Wenn Sie einmal laufen, schwimmen oder klettern lernen, bleibt Ihnen diese Fähigkeit über viele Jahrzehnte erhalten. Folglich hat der Mensch Computer geschaffen, die über Fähigkeiten verfügen, die seine eigenen Unzulänglichkeiten ausgleichen. Rechenkapazität und Gedächtnis sind dabei die Grundpfeiler.