Die Überlebenskette beim plötzlichen Herzstillstand

Nach einem Herzstillstand ist Zeit der entscheidende Faktor. Lebensrettende Maßnahmen müssen ohne Verzögerung beginnen und rasch aufeinander folgen. Diese Abfolge wird als Überlebenskette (engl. chain of survival) bezeichnet (Abbildung 1).

Beim außerklinischen Herzstillstand (OHCA) sind viele Beteiligte Teil dieser Kette: Laien als Ersthelfer, die Leitstelle, First Responder (Polizei, Feuerwehr, Hilfsorganisationen, Sicherheitsdienste), das Rettungsdienstpersonal (Notfallsanitäter, Rettungssanitäter, Notärzte), das innerklinische Reanimationsteam sowie Intensivstationen und weitere Einheiten, die reanimierte Patienten betreuen.

Fünf Kreise als Kette: Notruf 112 per Telefon, Thoraxkompressionen mit Beatmung, Defibrillation, Rettungswagen für erweiterte Maßnahmen und Postreanimationsbehandlung mit EKG-Kurve
Abbildung 1. Die Überlebenskette beim außerklinischen Herzstillstand: Früherkennung und Notruf, frühe Reanimation, frühe Defibrillation, erweiterte Reanimationsmaßnahmen und Postreanimationsbehandlung.

Warum die ersten drei Glieder entscheiden

Mit jedem Glied der Kette steigen Fertigkeiten, Komplexität und Kosten. Für das Überleben sind jedoch die ersten drei Glieder grundlegend: den Herzstillstand erkennen und Hilfe rufen, mit Thoraxkompressionen beginnen, defibrillieren. Diese drei Schritte kann jeder ausführen, auch ein Laie ohne Vorkenntnisse in der kardiopulmonalen Reanimation (CPR).

Rasch einsetzende Thoraxkompressionen, Beatmung und, wenn möglich, Defibrillation sind die stärksten Determinanten des Überlebens. Alle späteren Maßnahmen setzen geschultes Fachpersonal voraus, etwa die endotracheale Intubation, mechanische Reanimationsgeräte oder das Temperaturmanagement. Gemessen an der Number Needed to Treat (NNT) sind sie deutlich weniger effektiv.

Die Number Needed to Treat (NNT) gibt an, wie viele Patienten behandelt werden müssen, damit einer davon profitiert. Bei einer NNT von 10 müssen 10 Personen behandelt werden, damit eine Person gerettet wird.

Die größten Chancen liegen also in den ersten Minuten. Diese Zeit gestalten Laien, First Responder und der Rettungsdienst. Mehrere Studien zeigen allerdings, dass sich die Eintreffzeiten des Rettungsdienstes in den letzten Jahren deutlich verlängert haben (Abbildung 2). Umso größer wird die Verantwortung der Menschen, die vor Ort sind.

Liniendiagramm 1990 bis 2020 mit Zeiten bis zur Reanimation, Alarmierung, Disposition, Eintreffen des Rettungsdienstes und Defibrillation; die Zeit bis zur Reanimation sinkt, die Eintreffzeit steigt
Abbildung 2. Zeitintervalle beim außerklinischen Herzstillstand 1990 bis 2020: Die Zeit bis zum Beginn der Reanimation ist stark gesunken, die Eintreffzeit des Rettungsdienstes von etwa 5 auf etwa 11 Minuten gestiegen. Daten aus dem Jahresbericht des Schwedischen Reanimationsregisters (Swedish Cardiopulmonary Resuscitation Registry, 2023).

Die Überlebenskette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Eine hervorragende Intensivtherapie kann eine zehnminütige No-Flow-Zeit nicht ausgleichen. Umgekehrt verliert eine perfekte Laienreanimation ihren Wert, wenn der Patient nach ROSC keine strukturierte Weiterbehandlung erhält.

Die Laienreanimation als größter Fortschritt

Die deutlichste Verbesserung der letzten Jahrzehnte ist der starke Anstieg der Laienreanimationsquote (Abbildung 3). In Schweden erhielten im Jahr 1990 etwa 31 % aller Patienten mit OHCA eine Laienreanimation, im Jahr 2020 waren es 82 % (Jerkeman et al).

Liniendiagramm der Laienreanimationsquote beim außerklinischen Herzstillstand in Schweden, Anstieg von etwa 30 Prozent im Jahr 1990 auf über 80 Prozent im Jahr 2020
Abbildung 3. Laienreanimationsquote beim OHCA von 1990 bis 2020 im Schwedischen Reanimationsregister (SCRR).

Dieser Anstieg ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis jahrzehntelanger Schulungen, der Telefonreanimation durch die Leitstellen und später App-basierter Ersthelfersysteme. Mehrere Studien zeigen, dass eine Laienreanimation die Überlebenswahrscheinlichkeit beim OHCA ungefähr verdoppelt (Hasselqvist-Ax et al).

Damit möglichst viele Laien helfen können, müssen sie in den Basismaßnahmen der Reanimation (BLS, Basic Life Support) geschult werden. Die Kurse sollten von zertifizierten Instruktoren nach den offiziellen Leitlinien (ERC, AHA, ILCOR) gestaltet werden.

Die Glieder der Überlebenskette im Überblick

Glied Inhalt Wer kann es durchführen?
1. Früherkennung und Notruf Bewusstlosigkeit und fehlende normale Atmung erkennen, Notruf 112 absetzen jeder
2. Basismaßnahmen der Reanimation (BLS) Thoraxkompressionen, gegebenenfalls Beatmung jeder, bei Bedarf mit Anleitung durch die Leitstelle
3. Frühdefibrillation Einsatz eines AED oder manuellen Defibrillators jeder (öffentlich zugängliche AED), First Responder, Rettungsdienst
4. Erweiterte Reanimationsmaßnahmen (ALS) Atemwegsmanagement, Gefäßzugang, Medikamente, Behandlung reversibler Ursachen Rettungsdienst, Notarzt, Klinikteam
5. Postreanimationsbehandlung Koronarangiographie, Intensivtherapie, Temperaturmanagement, Prognoseabschätzung Klinik, Intensivstation

Die klassische Darstellung des European Resuscitation Council (ERC) umfasst vier Glieder: Früherkennung und Notruf, frühe Reanimation, frühe Defibrillation und Postreanimationsbehandlung. Die American Heart Association (AHA) führt die erweiterten Maßnahmen als eigenes Glied und hat 2020 die Erholung (engl. recovery) als weiteres Glied ergänzt. Die hier gewählte Darstellung mit fünf Gliedern folgt im Kern der AHA. Alle Darstellungen betonen dieselbe Reihenfolge und dieselbe Priorität der ersten Minuten.

Erkennen und Notruf

Ist kein medizinisches Fachpersonal in der Nähe, müssen Laien sofort Hilfe rufen (Notruf 112) und mit den Basismaßnahmen beginnen. Beim innerklinischen Herzstillstand (IHCA) wird entsprechend das Reanimationsteam alarmiert.

Die Regel ist bewusst einfach gehalten: Eine bewusstlose Person, die nicht normal atmet, wird als Herzstillstand behandelt. Der häufigste Fehler in diesem Glied ist die Fehldeutung von Schnappatmung als normale Atmung. Auch ein kurzer Krampfanfall zu Beginn eines Herzstillstands kann Helfer in die Irre führen.

Basismaßnahmen der Reanimation (BLS)

Thoraxkompressionen kann jeder durchführen. Ist kein anwesender Helfer geschult, leitet der Leitstellendisponent telefonisch an (Telefonreanimation). Die Thoraxkompressionen haben Vorrang vor der Beatmung.

Alle Mitarbeiter im Rettungsdienst sind in BLS geschult. Zunehmend werden zusätzlich zum Rettungswagen auch First Responder und Ersthelfer zum OHCA alarmiert, etwa über App-basierte Systeme. Sie treffen oft vor dem Rettungsdienst ein und können die Zeit bis zum ersten Schock deutlich verkürzen.

Die Ausführung im Detail beschreibt das Kapitel Basismaßnahmen der Reanimation (BLS).

Frühdefibrillation

Öffentlich zugängliche automatisierte externe Defibrillatoren (AED) kann jeder bedienen. Das Gerät analysiert den Rhythmus selbst und gibt nur bei einem defibrillierbaren Rhythmus einen Schock frei. First Responder sind häufig mit AED ausgestattet. Ein AED nützt jedoch nur, wenn er gefunden wird: Registrierung bei der Leitstelle, gute Beschilderung und Zugänglichkeit rund um die Uhr sind Teil dieses Glieds.

Erweiterte Reanimationsmaßnahmen (ALS)

Hierzu gehören Atemwegsmanagement, Gefäßzugang, Medikamente und die gezielte Suche nach reversiblen Ursachen. Siehe Erweiterte Reanimationsmaßnahmen (ALS).

Postreanimationsbehandlung

Die Behandlung nach Wiederkehr des Spontankreislaufs ist ein eigenständiges Glied. Sie entscheidet maßgeblich über das neurologische Ergebnis. Siehe Postreanimationsbehandlung nach ROSC und Kurz- und langfristige Prognoseabschätzung nach Herzstillstand.

Eintreffzeit des Rettungsdienstes und Überleben

In dicht besiedelten Gebieten mit vielen Rettungsmitteln und kurzen Eintreffzeiten ist das Überleben höher als in dünn besiedelten Gebieten (Girotra et al). Wie stark die Eintreffzeit das Ergebnis beeinflusst, zeigt Abbildung 4: Traf der Rettungswagen innerhalb von 6 Minuten ein, überlebten 19,5 % der Patienten 30 Tage, bei mehr als 15 Minuten nur 8,2 %. Bei defibrillierbarem Initialrhythmus ist der Unterschied noch ausgeprägter.

Drei Balkendiagramme zum 30-Tage-Überleben nach Eintreffzeit des Rettungsdienstes (0 bis 6, 7 bis 9, 10 bis 15 und über 15 Minuten) für alle Patienten, für VF oder pulslose VT und für Asystolie oder PEA
Abbildung 4. 30-Tage-Überleben beim außerklinischen Herzstillstand in Abhängigkeit von der Eintreffzeit des Rettungsdienstes, insgesamt und nach Initialrhythmus (Holmén et al).

Die Zeit bis zur Laienreanimation, bis zur Defibrillation und bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes gehören zu den stärksten Prädiktoren des Überlebens (Kragholm et al). Ihr Einfluss reicht über die Akutphase hinaus. Auch unter den Patienten, die die ersten 30 Tage überlebt haben, ist die Sterblichkeit im ersten Jahr niedriger, wenn Laien reanimiert oder defibrilliert haben (Abbildung 5). Nach Defibrillation durch Laien lag sie bei 2 %, ohne Laienreanimation bei 15,5 %. Frühe Hilfe rettet also nicht nur Leben, sie verbessert auch die Qualität des Überlebens.

Balkendiagramm der Ein-Jahres-Sterblichkeit von 30-Tage-Überlebenden: 15,5 Prozent ohne Laienreanimation, 8,9 Prozent bei Herzstillstand in Anwesenheit des Rettungsdienstes, 8,6 Prozent mit Laienreanimation, 2 Prozent nach Defibrillation durch Laien
Abbildung 5. Sterblichkeit nach einem Jahr bei Patienten, die 30 Tage nach OHCA noch lebten, in Abhängigkeit von Laienreanimation und Defibrillation durch Laien (Kragholm et al).

Teamarbeit und Kommunikation am Notfallort

Wer zu einem Herzstillstand hinzukommt, stellt sich mit Namen und Beruf vor und nennt klar die eigenen Fertigkeiten. Das Reanimationsmaterial wird sofort lokalisiert und geholt.

Gute Kommunikation folgt wenigen Regeln. Anweisungen werden laut, deutlich und an eine namentlich genannte Person gerichtet. Die Person bestätigt den Auftrag und meldet, wenn er erledigt ist (Closed-Loop-Kommunikation), etwa: „Anna, bitte Adrenalin 1 mg i.v.“, „Adrenalin 1 mg i.v., verstanden“, „Adrenalin ist gegeben“. Aufgaben laufen parallel, nicht nacheinander: Während einer komprimiert, klebt ein anderer die Defibrillator-Elektroden, ein dritter bereitet den Atemweg vor.

Zeit bis zur ersten Defibrillation

Balkendiagramm zum 30-Tage-Überleben nach Zeit bis zur ersten Defibrillation in Zwei-Minuten-Schritten; knapp 50 Prozent bei 0 bis 2 Minuten, danach stetiger Abfall auf wenige Prozent nach mehr als 20 Minuten
Abbildung 6. 30-Tage-Überleben in Abhängigkeit von der Zeit bis zur ersten Defibrillation bei defibrillierbarem Rhythmus beim außerklinischen Herzstillstand (Holmberg et al).

Im Jahr 2020 hatten in Schweden etwa 17 % der außerklinischen Herzstillstände einen defibrillierbaren Initialrhythmus, im Jahr 1990 etwa 40 % (Jerkeman et al). In anderen Registern liegen die Anteile etwas höher (siehe Epidemiologie des Herzstillstands). Zwei Faktoren bestimmen diesen Anteil vor allem.

Der erste ist die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes und damit bis zur ersten EKG-Ableitung. Defibrillierbare Rhythmen gehen im Verlauf in nicht defibrillierbare über, also in PEA und Asystolie. Je länger die Eintreffzeiten, desto seltener findet der Rettungsdienst noch einen defibrillierbaren Rhythmus.

Der zweite ist der Anteil der Herzstillstände, die durch ventrikuläre Arrhythmien ausgelöst werden. Er hängt vor allem von der Häufigkeit akuter und chronischer koronarer Herzkrankheit, der Herzinsuffizienz und anderer struktureller Herzerkrankungen ab. Die Inzidenz des tödlichen akuten Myokardinfarkts hat in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen, während die Prävalenz der Herzinsuffizienz leicht zugenommen hat.

Wie Thoraxkompressionen die Dauer eines defibrillierbaren Rhythmus verlängern können, erklären die Kapitel Das 3-Phasen-Modell des plötzlichen Herzstillstands und Die Physiologie der kardiopulmonalen Reanimation.

Wo die Kette typischerweise reißt

Glied Typische Schwachstelle Gegenmaßnahme
Erkennen Schnappatmung wird als normale Atmung gedeutet gezielte Abfrage durch die Leitstelle, Schulung
Laienreanimation Zögern aus Angst, etwas falsch zu machen Telefonreanimation, klare Botschaft: Nichtstun ist der einzige echte Fehler
Frühdefibrillation Standort des nächsten AED unbekannt AED-Register, Beschilderung, App-alarmierte Ersthelfer
Rettungsdienst lange Pausen in den Thoraxkompressionen, späte Schockabgabe Training, Feedbacksysteme, Laden des Defibrillators während der Kompressionen
Übergabe Informationsverlust beim Wechsel der Versorgungsebene strukturierte Übergabe, Dokumentation der Zeiten

Literatur

Girotra S, van Diepen S, Nallamothu BK, et al. Regional variation in out-of-hospital cardiac arrest survival in the United States. Circulation 2016;133:2159-2168.

Jerkeman M, Sultanian P, Lundgren P, et al. Trends in survival after cardiac arrest: a Swedish nationwide study over 30 years. Eur Heart J 2022. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehac414

Kragholm K, Wissenberg M, Mortensen RN, et al. Bystander Efforts and 1-Year Outcomes in Out-of-Hospital Cardiac Arrest. N Engl J Med 2017;376:1737-1747. PMID: 28467879

Holmén J, Herlitz J, Ricksten SE, et al. Shortening Ambulance Response Time Increases Survival in Out-of-Hospital Cardiac Arrest. J Am Heart Assoc 2020;9:e017048. PMID: 33107394

Malta Hansen C, Kragholm K, Pearson DA, et al. Association of bystander and first-responder intervention with survival after out-of-hospital cardiac arrest in North Carolina, 2010-2013. JAMA 2015;314:255-264.

Holmberg M, Holmberg S, Herlitz J. The problem of out-of-hospital cardiac-arrest prevalence of sudden death in Europe today. Am J Cardiol 1999;83(5B):88D-90D.

Aktualisiert 18. Oktober 2026