Herzstillstand bei Hyperthermie und maligner Hyperthermie

Eine ausgeprägte Hyperthermie kann zu Multiorganversagen und Herzstillstand führen. Früh erkannt ist sie gut behandelbar. Die zentrale Maßnahme ist die rasche und konsequente Kühlung, bei der malignen Hyperthermie zusätzlich die Gabe von Dantrolen. Jede Minute mit sehr hoher Kerntemperatur verschlechtert die Prognose, deshalb hat die Kühlung Vorrang vor fast allem anderen.

Hyperthermie ist kein Fieber

Hyperthermie bezeichnet eine Körpertemperatur oberhalb des normalen Bereichs von 36,5 bis 37,6 °C. Sie entsteht, wenn Wärmeproduktion oder Wärmeaufnahme die Fähigkeit des Körpers zur Wärmeabgabe übersteigen.

Der Unterschied zum Fieber hat direkte therapeutische Folgen. Beim Fieber ist der Sollwert im Hypothalamus nach oben verstellt, beim Hyperthermiepatienten nicht. Der Körper versucht also bereits mit allen Mitteln, Wärme abzugeben, und scheitert. Antipyretika wie Paracetamol wirken deshalb nicht. Helfen kann nur, dem Körper die Wärme von außen zu entziehen.

Steigt die Kerntemperatur weiter, schädigt die Hitze Zellen und Gefäßendothel direkt. Es entsteht ein Zustand, der dem systemischen inflammatorischen Response-Syndrom (SIRS) ähnelt, mit Gerinnungsstörung, Rhabdomyolyse, Nieren- und Leberversagen. Körpertemperaturen über 40 °C sind potenziell lebensbedrohlich und können einen Herzstillstand auslösen.

Vom Hitzestress zum Hitzschlag

Die Einteilung der Hyperthermie zeigt Tabelle 1.

Schweregrad Klinisches Bild Behandlung
Leichte Hyperthermie Durst, Schwäche Kühle Umgebung, passive Kühlung, kalte orale Flüssigkeit
Hitzeerschöpfung Unwohlsein, Angst, Schwindel, Synkope Kühle Umgebung, kalte intravenöse Flüssigkeit (1 bis 2 l Kristalloid, Rate 500 ml/h), kalte Dusche, Eispackungen
Hitzschlag (über 40 °C) Neurologische Symptome, Verwirrtheit, Krampfanfälle, Tachykardie, Hypotonie, Koma Sofortige aktive Kühlung, am wirksamsten durch Ganzkörperimmersion in kaltem Wasser; Elektrolytersatz; meist große Flüssigkeitsmengen erforderlich

Tabelle 1. Einteilung der Hyperthermie.

Beim Hitzschlag besteht definitionsgemäß eine Körperkerntemperatur über 40 °C mit zentralnervösen Funktionsstörungen. Das Leitsymptom ist die Bewusstseinsveränderung, nicht die Temperatur allein. Ein verwirrter, aggressiver oder somnolenter Patient bei Hitze hat bis zum Beweis des Gegenteils einen Hitzschlag.

Zwei Formen werden unterschieden:

Merkmal Klassischer Hitzschlag Belastungshitzschlag
Typische Patienten Ältere, chronisch Kranke, Kleinkinder Junge, gesunde Sportler, Soldaten, Arbeiter
Auslöser Hohe Umgebungstemperatur, z. B. Hitzewelle Starke körperliche Belastung, oft auch bei mäßiger Hitze
Entwicklung Über Stunden bis Tage Rasch, innerhalb von Minuten bis Stunden
Begünstigende Faktoren Diuretika, Anticholinergika, Psychopharmaka, eingeschränkte Mobilität Fehlende Akklimatisierung, Flüssigkeitsmangel, Kleidung und Ausrüstung

Beim Belastungshitzschlag ist eine Abkühlungsrate über 0,1 °C/min sicher und erwünscht (Lott et al., ERC 2021). Die wirksamste Methode ist die Immersion in kaltem Wasser. Bewährt hat sich der Grundsatz, zuerst zu kühlen und dann zu transportieren, wenn vor Ort eine wirksame Kühlung möglich ist. Gekühlt wird, bis die Kerntemperatur unter etwa 39 °C liegt. Die Kerntemperatur wird dafür rektal oder ösophageal gemessen. Ohr- und Stirnthermometer sind bei Hitzepatienten unzuverlässig.

Vorgehen beim Herzstillstand durch Hyperthermie

Beim Herzstillstand infolge einer Hyperthermie werden die Reanimationsmaßnahmen nach Standardprotokoll durchgeführt. Parallel wird so rasch wie möglich gekühlt. Die Kühlung darf die Thoraxkompressionen nicht unterbrechen, deshalb eignen sich Kühlpacks an Hals, Achseln und Leisten, kalte Infusionen, nasse Tücher mit Luftstrom und bei Verfügbarkeit Kühlsysteme der Intensivmedizin oder extrakorporale Verfahren.

Hyperkaliämie und Azidose, etwa bei Rhabdomyolyse, sind häufige Begleitprobleme und gehören zu den reversiblen Ursachen, nach denen gezielt gesucht wird (siehe Herzstillstand bei Elektrolytstörungen). Nach ROSC folgt die Postreanimationsbehandlung. Fieber ist in dieser Phase konsequent zu vermeiden. Die Prognose nach hyperthermem Herzstillstand ist insgesamt ungünstig, was die Bedeutung der frühen Kühlung vor dem Kreislaufstillstand unterstreicht.

Maligne Hyperthermie

Eine maligne Hyperthermie (MH) kann unter zwei Bedingungen auftreten:

  • Bei einer genetischen Mutation im Ryanodinrezeptor (RYR1), die bei Exposition gegenüber halogenierten Inhalationsanästhetika und Succinylcholin zu einer anhaltenden Muskelkontraktion führt.
  • Als idiosynkratische Reaktion auf Substanzen wie MDMA (Ecstasy) oder Amphetamine, die ein MH-ähnliches Bild mit ausgeprägter Hyperthermie auslösen können.

Der Mechanismus ist bei beiden Formen ähnlich. Der defekte Ryanodinrezeptor setzt unkontrolliert Calcium aus dem sarkoplasmatischen Retikulum frei. Die Muskulatur bleibt dauerhaft aktiviert und verbraucht Energie in großem Umfang. Daraus folgen massive Wärmebildung, steigende CO2-Produktion, metabolische Azidose und schließlich Muskelzerfall mit Hyperkaliämie. Unbehandelt ist die Erkrankung oft tödlich.

Frühe Warnzeichen im Operationssaal

Die Temperatur steigt bei der MH oft erst spät. Früher fallen andere Zeichen auf:

  • Anstieg des etCO2 bei unveränderter Beatmung, der sich durch Erhöhung des Atemminutenvolumens kaum beeinflussen lässt (siehe Kapnographie),
  • unerklärliche Tachykardie und Herzrhythmusstörungen,
  • Muskelrigidität, insbesondere ein Masseterspasmus nach Succinylcholin,
  • gemischte respiratorische und metabolische Azidose in der Blutgasanalyse.

Sofortmaßnahmen bei maligner Hyperthermie

  • Auslösende Substanzen sofort beenden (Inhalationsanästhetika, Succinylcholin), Narkose als totale intravenöse Anästhesie (TIVA) fortführen. Hilfe anfordern.
  • Hyperventilation mit 100 % Sauerstoff bei hohem Frischgasfluss, Aktivkohlefilter in das Beatmungssystem einsetzen.
  • Dantrolen intravenös: initial 2,5 mg/kg als Bolus, bei Bedarf wiederholen (kumulative Gesamtdosis bis zu 10 mg/kg). Bleibt die Wirkung bei dieser Dosis aus, wird die Diagnose überprüft.
  • Aktive Kühlung, Behandlung von Hyperkaliämie, Azidose und Arrhythmien. Calciumantagonisten werden zusammen mit Dantrolen nicht gegeben, weil die Kombination eine Hyperkaliämie und Kreislaufdepression verstärken kann.
  • Engmaschiges Monitoring von Körperkerntemperatur, etCO2, Elektrolyten, Blutgasen und Kreatinkinase, außerdem Urinausscheidung wegen der drohenden Myoglobinurie.
  • Beim Herzstillstand: Reanimation nach Standardprotokoll mit zusätzlicher Dantrolen-Gabe und Kühlung.

Die Zubereitung von Dantrolen ist zeitaufwendig, weil die herkömmliche Trockensubstanz in großen Mengen Wasser aufgelöst werden muss. Deshalb ist die Aufgabe früh an mehrere Personen zu verteilen. Nach überstandener Krise werden Patient und Angehörige über die Diagnose informiert und an ein MH-Zentrum zur weiteren Abklärung verwiesen.

Weitere Ursachen medikamenteninduzierter Hyperthermie

Auch das Serotoninsyndrom, das maligne neuroleptische Syndrom, Kokain, Amphetamine, Anticholinergika und Salicylate können zu schwerer Hyperthermie führen. Diese Zustände unterscheiden sich pathophysiologisch von der RYR1-assoziierten MH.

Syndrom Typische Auslöser Hinweise Behandlung
Serotoninsyndrom SSRI, MAO-Hemmer, Tramadol, Linezolid, Kombinationen Rascher Beginn, Klonus, Hyperreflexie, Agitation Absetzen, Benzodiazepine, Kühlung
Malignes neuroleptisches Syndrom Neuroleptika, Absetzen von Dopaminagonisten Langsamer Beginn über Tage, Rigor, Bradykinesie Absetzen, Kühlung, supportive Therapie
Sympathomimetika Kokain, Amphetamine, MDMA Agitation, Tachykardie, Hypertonie, Mydriasis Benzodiazepine, Kühlung
Anticholinerges Syndrom Antihistaminika, trizyklische Antidepressiva Trockene, gerötete Haut, Harnverhalt, Delir Absetzen, Kühlung, supportive Therapie

Gemeinsam ist allen die Behandlung mit konsequenter Kühlung, Benzodiazepinen bei Agitation und Absetzen der auslösenden Substanz. Dantrolen hat bei diesen Syndromen einen unsicheren Stellenwert. Mehr dazu im Artikel Herzstillstand bei Intoxikation.

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Aktualisiert 18. Oktober 2026