Herzstillstand bei Intoxikation (Vergiftung)

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind Intoxikationen als Ursache eines Herzstillstands besonders häufig, vor allem durch den Missbrauch verschreibungspflichtiger Medikamente und illegaler Substanzen. Die Opioidüberdosierung ist in dieser Altersgruppe weltweit derzeit eine der wichtigsten Ursachen. Zur Einordnung im Gesamtspektrum siehe Ursachen des plötzlichen Herzstillstands.

Vergiftungen und Arzneimitteltoxizität

Zahlreiche Substanzen können einen Herzstillstand oder eine schwere kardiopulmonale Depression auslösen. Tabelle 1 zeigt Substanzen, für die ein spezifisches Antidot zur Verfügung steht. Die schädlichen Wirkungen dieser Substanzen lassen sich unter Umständen aufheben, wenn die Maßnahmen frühzeitig erfolgen. Steht kein Antidot zur Verfügung, müssen supportive Maßnahmen durchgeführt und die Vitalfunktionen künstlich aufrechterhalten werden, bis die Substanz renal oder hepatisch eliminiert oder durch ein Dialyseverfahren entfernt worden ist.

Tabelle 1. Substanzen mit spezifischem Antidot

Substanz Antidot
Paracetamol N-Acetylcystein
Anticholinergika Physostigmin
Faktor-Xa-Inhibitoren (z. B. Apixaban) Andexanet alfa
Benzodiazepine Flumazenil (Krampfrisiko bei Mischintoxikation, z. B. mit trizyklischen Antidepressiva)
Schwarze Witwe (Spinnenbiss) Latrodectus-Antivenin
Botulismus (Botulinumtoxin) Botulismus-Antitoxin
Betablocker Glukagon i.v.
Calciumkanalblocker Calcium i.v., hochdosiertes Insulin mit Glukose i.v.
Carbamate Atropin, Pralidoxim
Cyanid Hydroxocobalamin; Cyanid-Antidot-Set (Amylnitrit, Natriumnitrit, Natriumthiosulfat; in Deutschland alternativ 4-DMAP mit Natriumthiosulfat)
Dabigatran Idarucizumab
Digitalisglykoside (Digoxin, Digitoxin, Oleander) Digoxin-spezifische Fab-Fragmente
Ethylenglykol Fomepizol oder Ethanol
Schwermetalle Chelatbildner
Radiojod (ionisierende Strahlung) Kaliumjodid
Eisen Deferoxamin
Isoniazid Pyridoxin (Vitamin B6)
Methanol Fomepizol oder Ethanol
Methämoglobinbildner Methylenblau
Methotrexat Leucovorin (Folinsäure), Glucarpidase (Carboxypeptidase G2)
Opioide Naloxon (Wirkdauer oft kürzer als die des Opioids, erneute Atemdepression möglich)
Organophosphate Atropin, Oxim (Obidoxim; in anderen Ländern Pralidoxim)
Sulfonylharnstoffe Octreotid
Thallium Berliner Blau
Trizyklische Antidepressiva Natriumbikarbonat
Unfraktioniertes Heparin Protamin
Valproinsäure L-Carnitin (begrenzte Evidenz)
Vitamin-K-Antagonisten (Warfarin, Phenprocoumon) Vitamin K, Frischplasma (FFP), Prothrombinkomplexkonzentrat (PPSB)

Vorgehen bei Verdacht auf Vergiftung und Herzstillstand

Die Vergiftung als Ursache des Herzstillstands ist oft zunächst nicht bekannt. Fremdanamnese, Auffindesituation (Tablettenverpackungen, Spritzen, Gasquellen), Hautbefunde, Pupillen und Geruch liefern erste Hinweise. Bis die richtige Versorgungsebene erreicht ist, können folgende Maßnahmen durchgeführt werden.

  • Reanimation
    • Beginn der Reanimation gemäß Standardleitlinie (siehe Erweiterte Reanimationsmaßnahmen (ALS)). Auf Mund-zu-Mund-Beatmung ist zu verzichten, wenn Chemikalien wie Cyanid, Schwefelwasserstoff, ätzende Substanzen oder Organophosphate beteiligt sind (Lott et al., ERC 2021).
    • Der Eigenschutz der Helfer hat Vorrang, bei Gefahrstoffen gegebenenfalls unter Einbeziehung der Feuerwehr.
  • Expertise hinzuziehen
    • Kontaktaufnahme mit der nationalen oder regionalen Giftinformationszentrale (in der Schweiz Tox Info Suisse unter der Nummer 145, in Österreich die Vergiftungsinformationszentrale Wien unter +43 1 406 43 43) sowie Alarmierung des Rettungsdienstes über die Notrufnummer 112.
    • Frühzeitige Kontaktaufnahme mit der nächstgelegenen Intensivstation mit toxikologischer Erfahrung. Schwere Vergiftungen erfordern aufwendige Behandlung, oft mit Hämodialyse, Intubation und längerem intensivmedizinischem Aufenthalt.
  • Antidot
    • Das spezifische Antidot wird bei Verdacht auf Vergiftung unverzüglich gegeben.
  • Dekontamination
    • Die Kleidung entfernen, wenn sie möglicherweise mit dem Toxin kontaminiert ist.
    • Haut und Augen bei Verdacht auf Exposition mit Kochsalzlösung (NaCl) spülen.
    • Eine Magenspülung soll wegen des Aspirationsrisikos und unklarer Evidenz nicht routinemäßig eingesetzt werden. Sie kommt nur nach einer potenziell tödlichen Ingestion innerhalb einer Stunde, durch geschultes Personal und bei gesichertem Atemweg in Betracht. Eine Darmspülung (Whole Bowel Irrigation) kann nach Ingestion großer Mengen Eisen, Lithium oder Kalium oder bei Retardpräparaten erwogen werden. Sie ist zu vermeiden, wenn ein Darmverschluss, eine Perforation oder ein Ileus vermutet wird (Lott et al., ERC 2021).
    • Bei intubierten Patienten kann Aktivkohle über eine Magensonde in einer Dosis von 0,5 bis 1 g/kg gegeben werden. Liegt die Ingestion mehr als eine Stunde zurück, wird auf Aktivkohle verzichtet, außer die aufgenommene Substanz bildet Bezoare oder liegt als Retardformulierung vor. Hinweis: Aktivkohle ist unwirksam bei Alkoholen, Lithium und Schwermetallen.
  • Elimination beschleunigen
    • Eine Harnalkalisierung (Urin-pH ≥ 7,5) mit einer intravenösen Natriumbikarbonat-Infusion kann bei Giftstoffen mit renaler Elimination eingesetzt werden, am häufigsten bei Salicylatvergiftung. Eine forcierte Diurese (3 bis 6 ml/kg/h) mit Harnalkalisierung kann bei schweren Phenobarbital- und Herbizidvergiftungen erwogen werden. Die häufigste Komplikation ist die Hypokaliämie (Lott et al., ERC 2021).
  • Erweiterte Eliminationsverfahren
    • Hämodialyse
    • Hämofiltration
    • Plasmapherese

Praxistipps

  • Bei Intoxikationen sind die Patienten häufig jung und ohne relevante Vorerkrankung. Eine verlängerte Reanimation ist daher oft gerechtfertigt, insbesondere solange auf die Wirkung eines Antidots oder auf Eliminationsverfahren gewartet wird.
  • Bei Opioidintoxikation steht die Beatmung (Oxygenierung) im Vordergrund. Naloxon wird titriert gegeben, um Entzugssymptome und Agitation zu vermeiden.
  • Bei breiten QRS-Komplexen und ventrikulären Arrhythmien im Rahmen einer Intoxikation mit Natriumkanalblockade (z. B. trizyklische Antidepressiva) ist Natriumbikarbonat das Mittel der Wahl.
  • Bei refraktärem Herzstillstand durch Vergiftung kann die extrakorporale Reanimation in ausgewählten Fällen eine Option sein (siehe Extrakorporale kardiopulmonale Reanimation (ECPR)).
  • Zum initialen Vorgehen außerhalb des Herzstillstands siehe Intoxikation: Kurzübersicht zu Antidota und initialem Vorgehen.

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Aktualisiert 17. Oktober 2026