Langwirksames Benzodiazepin mit aktivem MetabolitenBETÄUBUNGSMITTELAKKUMULATION BEI WIEDERHOLTER DOSISUNGEEIGNET FÜR ÄLTERE

Diazepam

Stesolid · Stesolid Novum · Diazepam Accord · Diazepam Renaudin

Das Benzodiazepin mit zwei Gesichtern. Als Einzeldosis bei Krampfanfällen ist es schnell und zuverlässig — hohe Fettlöslichkeit bewirkt intravenös einen Wirkungseintritt innerhalb weniger Minuten, und die Rektallösung funktioniert, wenn kein venöser Zugang vorhanden ist. Als Dauerbehandlung ist es etwas völlig anderes: Die Muttersubstanz hat eine Halbwertszeit von ein bis zwei Tagen und der aktive Metabolit Desmethyldiazepam bis zu vier, sodass die Konzentration nach der Einleitung eine Woche lang weiter steigt. Der lange Abklingeffekt ist gleichzeitig der eigentliche Vorteil bei der Entzugsbehandlung, wo er eine gleichmäßige Selbstausschleichung bewirkt.

WARNHINWEIS

Schnelle intravenöse Injektion verursacht Atemdepression, Blutdruckabfall und Apnoe — niemals schneller als 5 mg/min geben und Atemwegshilfsmittel bereithalten. Die Kombination mit Opioiden ist die häufigste Ursache einer tödlichen Atemdepression bei Benzodiazepinbehandlung.

Dosierung bei Erwachsenen

Nach Indikationuppdaterad 2026-08-22
IndikationDosierungHinweis
Status epilepticus, i.v.10 mg i.v. (0,15–0,20 mg/kg), max. 5 mg/min, einmalige Wiederholung nach 10 minmaximale Kumulativdosis 20 mg, bevor auf Fosphenytoin oder Levetiracetam übergegangen wird
Krampfanfall ohne Venenzugang, rektal10 mg Rektallösung beim Erwachsenen, Wiederholung nach ca. 10 min bei Bedarf5 mg bei Älteren, Gebrechlichen und Kindern unter 12 Jahren
Alkoholentzug10 mg p.o. 3–4-mal täglich Tag 1, danach tägliche Halbierung der Tagesdosis über 4–5 Tagedie lange Halbwertszeit ergibt eine eingebaute Ausschleichung — kein zusätzlicher Ausschleichplan erforderlich
Muskelspasmus und Spastik5–10 mg p.o. 2–3-mal täglichdie Sedierung ist dosisbegrenzend, weit vor der muskelrelaxierenden Wirkung
Angst, kurzfristig2–10 mg p.o. 2–4-mal täglich, niedrigste wirksame Dosisbei Älteren Dosis halbieren — oder stattdessen Oxazepam wählen
Niereninsuffizienz

Keine etablierte Dosisanpassung nach eGFR, aber die renal ausgeschiedenen glukuronierten Metaboliten akkumulieren bei ausgeprägter Niereninsuffizienz und die Sedierung kann andauern. Dosis reduzieren und Dosierungsintervall verlängern bei eGFR unter 30 ml/min.

Leberfunktionsstörung

Diazepam wird oxidativ über CYP2C19 und CYP3A4 metabolisiert, und sowohl Clearance als auch Metabolitenabbau sinken bei Leberinsuffizienz stark — die Halbwertszeit kann sich vervielfachen. Vermeiden bei ausgeprägter Leberinsuffizienz und Risiko für hepatische Enzephalopathie; Oxazepam wählen, das direkt glukuronidiert wird.

Kinder

Rektallösung bei Krampfanfällen: 5 mg bei Kindern unter 12 Jahren oder unter 15 kg, 10 mg bei Kindern über 12 Jahren. Intravenös 0,1–0,3 mg/kg langsam, max. 10 mg, kann einmal wiederholt werden.

Fallstrick

Diazepam nicht als Dauerbehandlung bei Älteren einsetzen. Die Halbwertszeit bei einem 80-Jährigen kann mehrere Tage betragen und der aktive Metabolit Desmethyldiazepam noch länger, sodass die Konzentration nach Einleitung bis zu einer Woche weiter steigt — der Patient, der an Tag zwei noch munter war, stürzt an Tag sechs, und der Zusammenhang mit der Tablette wird übersehen, weil die Dosis nie erhöht wurde. Bei Benzodiazepinbedarf in dieser Gruppe ist Oxazepam fast immer die richtige Wahl.

Pharmakokinetik

WIRKUNGSEINTRITT
1–3 min i.v. · 5–10 min rektal · 30–60 min p.o.
WIRKUNGSDAUER
15–60 min klinische Wirkung nach Einzeldosis i.v.
BIOVERFÜGB.
ca. 90 % p.o. · 80–90 % rektal · unzuverlässig i.m.
Vd
0,8–1,5 l/kg, hohe Fettlöslichkeit
20–50 Stunden (bis 100 Stunden bei Älteren)
AKTIVER METABOLIT
Desmethyldiazepam, t½ 40–100 Stunden
METABOLISMUS
CYP2C19 und CYP3A4
AUSSCHEIDUNG
Renal als Glukuronide

Nebenwirkungen nach Häufigkeit

≥ 10 %
Sedierung, Müdigkeit, Muskelschwäche, Konzentrationsstörungen
1–10 %
Ataxie und Stürze, anterograde Amnesie, Schwindel, Verwirrtheit bei Älteren, Dysarthrie, Übelkeit
< 1 %
Atemdepression und Apnoe bei schneller i.v.-Injektion, Blutdruckabfall, paradoxe Agitation, Thrombophlebitis bei peripherer Injektion, Abhängigkeit mit Entzugskrämpfen