Wasserlösliches B-Vitamin und Koenzym im KohlenhydratstoffwechselHÄUFIG UNTERDOSIERT

Thiamin (Vitamin B₁)

Betabion · Thiamine Sterop · Beviplex forte

Die Wernicke-Enzephalopathie wird parenteral und in Dosen behandelt, die weit über dem Substitutionsniveau liegen — 500 mg dreimal täglich gegenüber den 200 mg, die in der Praxis oft gegeben werden, und dieser Unterschied ist der ganze Unterschied zwischen reversibler Verwirrtheit und bleibendem Korsakow-Syndrom. Die klassische Trias Augenbewegungs­störung, Ataxie und Konfusion ist bei weit unter einem Drittel vollständig, daher soll die Verdachtschwelle niedrig und die Behandlung nach Indikation gegeben werden, nicht nach vollständigem Symptombild. Thiamin ist billig, praktisch harmlos und kann nicht auf klinisch relevante Weise überdosiert werden — es gibt keinen vertretbaren Grund abzuwarten.

WARNHINWEIS

Glukose ohne Thiamin kann bei unterernährten und alkoholabhängigen Patienten eine Wernicke-Enzephalopathie auslösen oder verschlechtern: thiaminabhängige Enzymschritte verbrauchen die letzten Reserven wenn der Kohlenhydratstoffwechsel gestartet wird. Thiamin vor oder gleichzeitig mit der Glukoseinfusion geben — aber die Behandlung einer dokumentierten Hypoglykämie niemals in Erwartung von Thiamin verzögern.

Dosierung bei Erwachsenen

Nach Indikationuppdaterad 2026-08-22
IndikationDosierungHinweis
Verdacht oder manifeste Wernicke-Enzephalopathie500 mg i.v. (10 ml Betabion 50 mg/ml) verdünnt in 100 ml Natriumchlorid 9 mg/ml über 30 min, dreimal täglich für 2–3 Tagebei Verdacht behandeln — die vollständige Trias fehlt bei den meisten
Fortsetzung nach Akutphase250–500 mg i.v. oder i.m. einmal täglich für weitere 3–5 Tage, dann orale Erhaltungnach klinischer Wirkung ausschleichen, nicht nach einem Laborwert
Alkoholentzug und Prophylaxe bei Risikopatienten200 mg i.v. oder i.m. täglich für 3–5 Tage, dann oral 100 mg täglich solange der Risikokonsum bestehtinitial parenteral geben — orale Absorption ist bei Alkoholabhängigkeit unzuverlässig
Vor Glukosegabe bei unterernährtem oder alkoholabhängigem Patientenmindestens 200 mg i.v. unmittelbar vor oder gleichzeitig mit der Glukoseinfusiongilt auch bei parenteraler Ernährung und Refeeding
Refeeding-Syndrom und langfristige parenterale Ernährung200–300 mg i.v. täglich in den ersten Tagen, dann nach Vitaminpräparatmit Phosphat-, Kalium- und Magnesiumkontrolle kombiniert
Niereninsuffizienz

Keine Dosisanpassung bei Akutbehandlung — der Überschuss wird renal ausgeschieden und Akkumulation hat keine klinische Bedeutung. Hämodialysepatienten verlieren jedoch Thiamin bei jeder Behandlung und benötigen regelmäßige Substitution.

Leberfunktionsstörung

Keine Dosisanpassung. Bei Leberinsuffizienz ist die Umwandlung in die aktive Form Thiaminpyrophosphat vermindert, was dafür spricht im oberen Teil des Dosisintervalls zu bleiben statt zu reduzieren.

Kinder

Wernicke-Enzephalopathie und schwerer Thiaminmangel: 25–100 mg i.v. ein- bis dreimal täglich je nach Alter und Gewicht. Bei thiaminabhängigen Stoffwechselkrankheiten werden erheblich höhere Dosen nach Stoffwechselkonsultation eingesetzt.

Fallstrick

Nicht mit 100–200 mg pro Tag oder mit oraler Behandlung bei verdächtigter Wernicke-Enzephalopathie begnügen — das ist die häufigste und schwerwiegendste Unterbehandlung, und die Absorption bei Alkoholabhängigen ist obendrein unvorhersehbar. Auch nicht auf MRT oder bestätigende Laborwerte warten: das Bild ist bei vielen normal und Thiamin hat keine relevante Toxizität, daher soll die Behandlung vor Diagnosesicherung beginnen.

Pharmakokinetik

WIRKUNGSEINTRITT
Okulomotoriksymptome kehren oft innerhalb von Stunden um, Konfusion innerhalb von Tagen
AKTIVE FORM
Thiaminpyrophosphat, Koenzym für Pyruvatdehydrogenase und Transketolase
BIOVERFÜGB.
Aktive Absorption im Dünndarm, wird bei ca. 5 mg pro Dosis gesättigt
DEPOT
ca. 30 mg im Körper — reicht 2–3 Wochen ohne Zufuhr
ca. 10–20 Tage für den gesamten Körperbestand, Stunden im Plasma
AUSSCHEIDUNG
Renal, Überschuss unverändert ausgeschieden
PASSAGE
Passiert die Blut-Hirn-Schranke dosisabhängig — begründet hohe parenterale Dosen
TAGESBEDARF
1–1,5 mg pro Tag beim gesunden Erwachsenen

Nebenwirkungen nach Häufigkeit

≥ 10 %
Vorübergehendes Wärmegefühl, Übelkeit und lokale Irritation an der Injektionsstelle
1–10 %
Juckreiz, Urtikaria, Schwitzen, Schmerz bei intramuskulärer Injektion, vorübergehender Blutdruckabfall bei schneller i.v.-Gabe
< 1 %
Anaphylaktische Reaktion, vor allem bei schneller intravenöser Injektion unverdünnter Lösung